• vom 01.09.2018, 10:30 Uhr

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Kulturgeschichte

Wo sogar Ehen gestiftet wurden




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Die meisten Benutzer der Wien-Bibliothek scheuen den Umweg zum Holzaufzug und nehmen den modernen Kone-Glaskobel, der eine beachtliche Rundumsicht in einen der Höfe bietet und zudem rasch das Ziel im dritten Zwischengeschoß erreicht. Der Paternoster-Benutzer rumpelt hingegen mit gemischten Gefühlen an drei Auslässen vorbei und erwischt im schlimmsten Fall den richtigen Ausstieg nicht rechtzeitig.

Sodann beginnt ein Abschnitt, den Internet-User und Aufzugsfans zu Recht als "spooky" bezeichnen, weil der Paternoster in einem kafkaesk-dachbodenartigen, nur matt von einer Glühbirne beleuchteten Raum die Kabine über den Totpunkt hebt, die dann, natürlich ohne umzudrehen, sanft bergab gleitet.

Allein die Akustik dieses Vorgangs und der kurze Einblick in die Umlenkmechanik sind den Ausflug wert. Man kann auch bei Zusehern für Furore sorgen, indem man sich den kleinen Scherz erlaubt und beim Umlenken einen Kopfstand macht, was aber nicht empfehlenswert ist.

Der NIG-Paternoster
Die Gründe, warum die Paternoster verschwinden (zuletzt fand eine Still-Legung im Bundesrechenzentrum 2017 statt), liegen bei Wartungskosten und der Fehlbedienung dieser sicheren Aufzüge, welche laut Payer keiner Fangvorrichtung bedürfen.

Ein Paternoster, der überaus nutzbringend war, brachte im Neuen Institutsgebäude an der Universitätsstraße Studierende, Lehrende und Gäste von den 1950er Jahren bis zur Jahrtausendwende bis fast in die Mensa im Dachgeschoß und überwand dabei immerhin acht Etagen. Doch eines Tages stieg eine junge Mutter mit Kinderwagen in den dafür nicht zugelassenen Lift und verkeilte diesen, ohne dabei zu Schaden zu kommen. Lastentransporte sind in Paternostern immer verboten, dasselbe gilt für schweres Gepäck, Fahrräder und eben auch Kinderwagen.

Der Vorfall markierte das Ende des modernen Umlauflifts mit Resopalanmutung, in dem zwei Fahrgäste zusammengewürfelt wurden. Vermutlich stiftete der Paternoster sogar Ehen, es sei denn eine dritte Person stieg im ersten Stock unerlaubt hinzu. Der NIG-Paternoster ist jedenfalls Geschichte, seither müssen Mensabesucher auf einen der Pendellifte warten. Dafür ist man heute rascher am Ziel.

Film-Klassiker
Auch das Wiener Straflandesgericht, das "Einser-Landl" an der alten Lastenstraße (= Landesgerichtsstraße oder "Zweier-Linie") verfügte, wie sich aus Payers Monumentalwerk ergibt, über einen Paternoster, der auch fotografisch dokumentiert ist. Unweigerlich denkt der Leser an den "Fahrstuhl zum Schaffott" ("L’ascenseur pour l‘échafaud"), einen Krimi, den Louis Malle 1958 mit Jeanne Moreau verfilmt und den Jazztrompeter Miles Davis musikalisch in Szene gesetzt hat.

Doch sowohl der Würgegalgen der Österreicher als auch die Guillotine der NS-Machthaber standen im Erdgeschoss, die Delinquenten gingen zu Fuß von den Zellen bergab in diese Stätte des Schreckens, die heute einen Gedenkraum beherbergt.

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Dokument erstellt am 2018-08-31 14:21:00


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