• vom 08.09.2018, 09:30 Uhr

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Von Peter Jungwirth

  • Der Schweizer Erfolgsautor Alex Capus verbindet in einem akrobatischen Zeitsprung zwei Liebesgeschichten mit zwei Jahrhunderten europäischer Geschichte.



Wählt jedes Detail, jedes Wort mit Bedacht: Alex Capus.

Wählt jedes Detail, jedes Wort mit Bedacht: Alex Capus.© Amrei-Marie / Wiki CC Wählt jedes Detail, jedes Wort mit Bedacht: Alex Capus.© Amrei-Marie / Wiki CC

Die Schweiz ist ein Land mit vielen hohen Bergen, und genau diesen Umstand macht sich Alex Capus in seinem neuesten Roman, "Königskinder", gleich mehrfach zu Nutze. Er lässt seine beiden zeitgenössischen Protagonisten, Tina und Max, die man bereits aus seinem letzten Buch "Das Leben ist gut" kennt, sehr leichtsinnig und selbstherrlich über einen wetterbedingt gesperrten Alpenpass fahren - und oben im Schnee stecken bleiben. Und dort, in der Nacht, die sie notgedrungen im eingeschneiten Auto verbringen müssen, erzählt Max für Tina die Geschichte eines bettelarmen Kuhhirten, der sich in der Zeit der Französischen Revolution in die Tochter eines steinreichen Bauern verliebt - und diese am Ende auch bekommt.



Das klingt nach einer ganz einfachen Geschichte. Das klingt - und diesen Verdacht hat auch Tina - nach Kitsch. Aber dort oben im Schnee, am Jaunpass, gelingt Alex Capus, in dem er den beharrlichen Max seiner skeptischen Tina die Liebesgeschichte von Jakob Boschung und Marie-Françoise Magnin erzählen lässt, ein kleines literarisches Wunder. In dieser angespannten Situation, dieser völlig verfahrenen Lage, in der schlechtere Erzähler in Geschwafel oder Sentiment abstürzen würden, hebt Alex Capus, während er den Dialog zwischen Max und Tina als exakt kalkulierten Kontrast weiterlaufen lässt, zu einem langsam, aber stetig an Höhe gewinnenden, immer atemberaubender werdenden Aufklärungsrundflug über ein Vierteljahrtausend europäischer Geschichte ab.

Information

Alex Capus
Königskinder
Roman. Hanser, München 2018
185 Seiten, 21,60 Euro.


Und der Panoramablick, der sich von dem von Capus gefahrenen Ballon aus über die historische Schweiz und das vorrevolutionäre Frankreich bietet, könnte kaum spektakulärer sein. Da nimmt die Liebesgeschichte des verwaisten Jakob "an einem goldenen Nachmittag im September 1779" ihren Anfang, zuoberst auf der Alp, als die Knechte des Großbauern zu ihm aufsteigen und ihn und die Kühe hinunter ins Tal holen - wo er Marie-Françoise, die Tochter des Bauern, stehen sieht, und bei ihrem Anblick wie vom Blitz getroffen ist. Ein Augenblick der vollkommenen Wonne, der ewig dauern sollte - aber leider nicht dauert, weil Jakob vom ebenfalls blitzschnell begreifenden, sofort losbrüllenden Bauern schon in der nächsten Sekunde vom Hof gejagt wird.

Ähnlich schnell, wenn man die damaligen Verkehrsmittel bedenkt, und dazu, und vor allem, die schier unüberwindbaren gesellschaftlichen Schranken, findet sich Jakob am Hof des mächtigsten Menschen der damaligen Welt: in Versailles. Élisabeth, die jüngste Schwester von Ludwig XVI. und Schwägerin von Marie-Antoinette, hat sich nahe des Schlosses einen idyllischen Bauernhof einrichten lassen. Und für ihre zwölf Milchkühe aus der Schweiz, die, weil unkundig gemolken, keine Milch geben, schließlich auch einen dazu passenden Kuhhirten importiert: Jakob. "Etwas befremdlich findet Jakob, dass es keine Kinder gibt. Die Bauernbetriebe, die er bisher gesehen hat, waren reich an Kindern und arm an allem anderen. Auf Montreuil ist es umgekehrt. Hier gibt es keine Bäuerin, die unablässig schwanger wäre und alle paar Jahre einen kleinen weißen Sarg zu Grabe trüge, und es gibt keinen Bauern, der hart und grausam geworden wäre über der lebenslangen Plage von Dürren, Seuchen, Unwettern und Schuldzinsen, und es gibt keine verstockten Mägde und Knechte, die den Bauern stumm für seine Hartherzigkeit verfluchen und die ganze Welt wegen ihrer gleichgültigen Ungerechtigkeit hassen. Auf Montreuil sind alle glücklich."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 17:03:04
Letzte Änderung am 2018-09-06 17:08:40


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