• vom 08.09.2018, 09:30 Uhr

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Sternstunde der Erzählkunst




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Dass sich der mutige, treue und wortkarge Jakob und die mutige, treue und kluge Marie-Françoise am Ende ausgerechnet dort wiederfinden, nahe Paris, ist nicht nur eine unglaubliche, sondern auch, und mehr noch, eine unglaublich gut erzählte Pointe.

Virtuos ist auch der Rest des Buches, dessen Titel viele Deutungen zulässt, und das sich im besten Sinn in die Tradition der Aufklärung stellt. Denn für Capus ist die - auf zufällig gefundenen historischen Dokumenten beruhende - Geschichte von Jakob und Marie-Françoise kein reiner Selbstzweck. Sondern die Hitzequelle, um seinem Flug über den eben erst von den Aufklärern und dann von den Brüdern Montgolfier eroberten Himmel Auftrieb zu geben.

Die beste aller Welten

Zuerst, um dem Gestank von Schloss Versailles zu entkommen, wo es für den versammelten Hochadel Frankreichs leider nur zwei funktionierende Toiletten gibt; etwas höher fahrend dann, um einen Blick auf das hungernde Volk im deswegen bereits brodelnden Paris zu werfen; und noch höher, um das erstaunlich kleine Territorium zu überblicken, das Ludwig XVI. zeitlebens bereist hat: "Er war nie in den Alpen, kennt weder die Schlösser an der Loire noch das Burgund, ganz zu schweigen von den französischen Besitzungen in Amerika und Afrika." Auch den Atlantik und das Mittelmeer hat Ludwig nie gesehen. "Immerzu hockt er, dem die ganze Welt zu Füßen läge, mit seiner Familie im hundertjährigen Schloss seines Urururgroßvaters und schießt im Park Wildtiere, die man ihm vor die Flinte getrieben hat; höchstens, dass er mal nach Paris in die Oper fährt oder für ein paar Tage in eines der Nebenschlösser in der Umgebung. Der König von Frankreich hat niemals den offenen Ozean gesehen, weder das Mittelmeer noch den Atlantischen Ozean. Nur ein mal im Leben fuhr er für ein paar Tage an den Ärmelkanal, um die neuen Befestigungsanlagen im Hafen von Cherbourg zu besichtigen." Ebendort war zufällig auch Jakob, als Soldat.

Und so zeigt Capus, wie beiläufig, dass der König von Frankreich weniger in der weiten Welt herumgekommen ist als der Kuhhirte seiner jüngsten, abenteuerlustigen und philosophisch interessierten Schwester. Die ihrem Bruder noch etwas anderes voraus hat - sie liest Diderot, Rousseau und Voltaire. Und will, da sie in der großen Politik nicht mitreden darf, zumindest in Montreuil, ihrem acht Hektar großen Bauernhof, die beste aller Welten erschaffen. Weil sie daran glaubt, dass das möglich ist, "wenn nur jeder Mensch an seinem Platz mit bestem Wissen und Gewissen seinen Garten bestellt."

Genau daran glaubt auch Capus. Aber er weiß auch, dass sich allein mit dieser vernünftigen Erkenntnis die beste aller Welten noch lange nicht schaffen lässt. Allein schon deshalb, weil die Frage, wo jeder Mensch an "seinem Platz" ist - auf der Welt, in der Gesellschaft, in der Familie - nicht von vorneherein geklärt ist. Und selbst wenn dem so wäre, gibt es auch noch Naturgesetze, die so manchem schönen Plan einen Strich durch die Rechnung machen. Und die Schicksalsmacht des Zufalls, die sich jeder Berechnung entzieht. Genau deshalb spielt der isländische Vulkan Laki, der zu Pfingsten 1783 explodiert, und das Klima auf der Nordhalbkugel der Erde dadurch verändert, in "Königskinder" eine Rolle.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 17:03:04
Letzte Änderung am 2018-09-06 17:08:40


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