• vom 30.09.2018, 09:00 Uhr

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Von Holger Rust

  • Baldassare Castiglione lieferte mit seinem Werk "Il Libro del Cortegiano" im Jahr 1528 ein frühes Zeugnis der wirtschaftskulturellen Geistesgeschichte. Seine Ideen des offenen Diskurses gelten bis heute.

Gegenentwurf zu Machiavelli: Baldassare Castiglione (hier im Porträt von Raffael). - © Wikimedia Commons

Gegenentwurf zu Machiavelli: Baldassare Castiglione (hier im Porträt von Raffael). © Wikimedia Commons

Man redet derzeit viel von den neuen Machiavellisten, in der Politik und vor allem in den Elite-Etagen der Unternehmen. Das ist meist nicht einmal kritisch gemeint, eher bewundernd: Denn immerhin, sie scheinen erfolgreich. Und die Zahl der Bücher und Traktate, die im Windschatten dieser Idee mitlaufen, steigt. Niccolò Machiavelli ist mit seinem 1513 erschienenen Werk "Il Principe" und seiner utilitaristischen Nutzwert-Philosophie wieder schwer angesagt.

Information

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover und ständiger Glossist im "extra".

Nun ist es aber gleichzeitig so, dass das Unbehagen an dieser Art von egomanischer Selbstbezüglichkeit (die ja selbst dem Renaissance-Autor nicht gerecht wird) wächst. Und wir wissen ziemlich genau, dass die meisten Nachwuchskräfte gerne ganz anders werden möchten, sich allerdings oft dem Zeitgeist unterwerfen oder einem System ausweichen, das sie nicht mittragen wollen.

Was die meisten sich wünschen, sind charismatische Personen, die etwas unerklärlich Faszinierendes an sich haben, geprägt durch ruhige und unaffektierte Virtuosität, natürliche Anmut und irgendwie mühelos erscheinende Eleganz im Auftreten und in ihren Entscheidungen; die, wie der Bildungstheoretiker und Germanist Gerhart von Graevenitz 2005 in einer Festrede für die Universität Sankt Gallen formulierte: "eine schlafwandlerisch sichere Handlungskompetenz" zeigen.

Ein Weltbestseller

Von Graevenitz bezog sich mit dieser Formulierung auch auf ein Buch aus der Renaissance, genauer gesagt aus dem Jahr 1528. Autor war Baldassare Castiglione, der im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert als Diplomat und Berater an den Fürstenhöfen der Gonzaga und der Montefeltro diente. Das Buch ist eines der kaum gelesenen, dennoch aber bekanntesten Werke der Weltliteratur: "Il Libro del Cortegiano". In ihm wiederum wird einer der meist gebrauchten, gleichzeitig oft gründlich missverstandenen Begriffe geprägt, der, wenn man ihn in eine beliebige Suchmaschine eingibt, heute noch zweieinhalb Millionen Treffer zeitigt: Sprezzatura.

Castiglione hatte mehr als zwei Jahrzehnte an diesem Werk gearbeitet. "Il Libro del Cortegiano" bietet nicht nur einen bemerkenswerten wirtschaftsethischen Gegenentwurf zu Machiavelli, sondern richtet sich auch an eine weit größere Gruppe von Interessenten. Er spricht, um ein modernes Wort zu gebrauchen, die Mitglieder der Kompetenzteams ihrer "Fürsten" an. Wie sie, diese wichtigen Vertreter der nachgeordneten Führungsebenen, beschaffen sein sollen, was also den idealen Cortegiano ausmache, war das Ziel des halb fiktionalen, halb authentischen Buches. Das ist ungewöhnlich und selten und stellt ein erstes bemerkenswertes Motiv dieses frühen Zeugnisses der wirtschaftskulturellen Geistesgeschichte dar.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-27 15:24:29
Letzte Änderung am 2018-09-27 16:21:35


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