• vom 21.10.2018, 15:00 Uhr

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Von Ingeborg Waldinger

  • Auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises: Gerhard Jägers Roman "All die Nacht über uns".



Sie beginnt um 19 Uhr, jene Nacht, die ein Soldat mit Schießbefehl an einer nicht näher bezeichneten Grenze durchwacht - allein, mit dem Gewehr als einzigem "Gefährten". Es repräsentiert nun nicht mehr bloß "eine Art Berufsfolklore", sondern "eine reale Möglichkeit". Denn die Lage hat sich geändert; die Menschen - u.a. auch der Vater des Soldaten - verstärken ihre Türschlösser, kaufen Alarm- und Überwachungssysteme. Ihre Heimat scheint bedroht, denn sie wirkt wie ein Versprechen auf das heranflutende Schattenheer jenseits der Grenze.

Mit seinem zweiten Roman, "All die Nacht über uns", schreibt sich der Österreicher Gerhard Jäger in jene Riege deutscher Autoren ein, die in den letzten Jahren Grenzsoldaten in den Fokus nahmen: Jenen des Dreiländerecks Irak-Iran-Türkei setzt Sherko

Information

Gerhard Jäger
All die Nacht über uns

Roman. Picus, Wien 2018, 240 Seiten, 22,- Euro.

Fatahs Roman "Im Grenzland" (2001) ein literarisches Denkmal; "Grenzland" heißt auch der 2009 erschienene Roman von Michael Dullau, der das Leben der DDR-Grenzsoldaten schildert; diese Systemwächter spielen auch in Lutz Seilers Debütroman "Kruso" aus dem Jahr 2014 eine Rolle, als sogenannte "Inselkrieger" auf Hiddensee, einst landesinterner Fluchtpunkt vieler Außenseiter des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates; Andree Hesse schließlich macht einen fahnenflüchtigen, später heimlich heimkehrenden DDR-Grenzsoldaten namens Meiner zum Helden seines Romans "Der Diversant".

Auch der 1966 in Dornbirn geborene Gerhard Jäger hat einen - namenlos bleibenden - Grenzsoldaten zur Hauptfigur erkoren. Mit der gleichsam liturgisch, als eine Art Stundenbuch getakteten Chronologie einer Nacht setzt er einen zeitlichen Rahmen; die endlosen Stunden in Kälte und Nässe öffnen jedoch breite Fenster in die Vergangenheit. Ein Knacken in der Dunkelheit, unweit des Wachturms, und schon sind die Bilder wieder da: die kindlichen Nachtabenteuer und -phantasien; die auf Holzscheitern kniende, betende Mutter; die Polizisten als Boten vom Tod seiner Frau; der tragische Verlust des Sohnes.

Schließlich die Erzählungen der Großmutter, die neben den familiären Erinnerungen eine historische Gedenk-Ebene eröffnen. Ihr Notizheft hält der Enkel als Vermächtnis in Händen: In den Roman eingeflochten, erzählt es die Geschichte ihrer gewaltsamen Vertreibung aus Hinterpommern im März 1945. Für die Großmutter steht eine reale Person Pate - ihr ist dieser Roman gewidmet: Dietlinde Bonnlander.

Von der Flucht-Geschichte der Großmutter schlägt der Autor die Brücke in die Gegenwart: Ein zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniertes Hotel versetzt das Heimatdorf des Protagonisten in eine "seltsame Erregung", die auf ein Fanal zusteuert. Auch diese Bilder bedrängen den Soldaten. Erschöpft von den physischen und psychischen Strapazen dieser nächtlichen Wacht, dem Erinnerungssturm, der Einsamkeit und Verzweiflung, flieht er in den Alkohol: um der Enge seines Einsatzortes zu entkommen, und um den Schmerz zu betäuben, den der Verlust der Familie und aller Gewissheiten bereitet: ". . . vielleicht sind wir alle auf der Flucht. Flüchtende wir alle, alle flüchtig". Das Ende der Wacht stellt sein Gewissen auf eine harte Probe.

Gerhard Jäger erzählt autark, bildstark und spannend, wenngleich bisweilen hart an jener Grenze, die sozial engagierte Literatur vom Sozialkitsch trennt. Ein modernes Andachtsbuch über innere und äußere Schranken, über Heimat und Heimatlosigkeit - und über die komplexen Facetten der Menschlichkeit.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-10-18 16:18:47
Letzte Änderung am 2018-10-18 18:52:46



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