• vom 20.10.2018, 10:30 Uhr

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Hippiefrauen und ihre Vampire




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Von Elisabeth Freundlinger

  • Spannender Roman und farbenprächtige Sozialstudie einer besonderen Zeit: "Lieblinge der Götter" von Amaryllis Sommerer.

Bunte Sprachkraft: Amaryllis Sommerer.

Bunte Sprachkraft: Amaryllis Sommerer.© Paul Feuersänger Bunte Sprachkraft: Amaryllis Sommerer.© Paul Feuersänger

Kleider sind in diesem Roman nicht einfach rot oder grün, sondern kirschenrot und algengrün; dass die Schriftstellerin Amaryllis Sommerer aus der Filmbranche kommt, ist ihren bildreichen Geschichten anzumerken. Auch ihr neuester Wurf, "Lieblinge der Götter", profitiert von der Kraft ihrer bunten Sprache.

"Die siebziger Jahre sind nicht ein ganzes Leben lang durchzuhalten", schreibt die Autorin gegen Ende des Romans. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Protagonisten schon ausgepowert. Sie wollten das Echte finden, so tief wie möglich ins Leben hineintauchen, sie wollten frei sein und einzigartig. Nicht alle haben diese irrwitzige Achterbahnfahrt überlebt.

Oszillierendes Geschöpf

Vier Personen stehen im Mittelpunkt von Sommerers Roman. Zwei Frauen: Karin und Nina; zwei Männer: Martin und Valentin. Letzterer ist ein oszillierendes Geschöpf, nie zu fassen - nicht einmal von der Liebe. Valentins Ausdrucksform ist die des Augenblicks, er reüssiert schließlich in der Performancekunst. Valentins Sucht nach Freiheit ist unermesslich, sein Selbstdarstellungstrieb geht bis zur Selbstzerstörung. Aber er fliegt höher als alle anderen.



Valentins Kindheitsfreund Martin, ein Filmemacher, bringt es nicht ganz so weit. Sein verzweifelter Kampf gilt dem "Kleinfamiliendepp, der immer noch heimlich in ihm rumort". Schon allein Martins dickliche Figur und der kurzsichtige Maulwurfsblick drängen ihn in die biedere Existenz, denn in der Kaste der Paradiesvögel ist für einen wie ihn kein Platz. In der illustren Künstlerszene kommt es schließlich nicht nur auf

Information

Amaryllis Sommerer
Lieblinge der Götter

Roman, Picus Verlag, Wien 2018, 252 Seiten, 17,99 Euro.

Präsentation und Lesung aus dem Buch am Montag, 22. Oktober, im Café Korb (Artlounge) in Wien.

Kompromisslosigkeit an, sondern durchaus auch auf das Aussehen. Martin ringt bis zur Besinnungslosigkeit um künstlerische Anerkennung, doch seine Vorbilder, Fassbinder und Eustache, bleiben unerreichbar. Drogen helfen. Vorübergehend.

Aber eigentlich geht es in diesem Roman um die Frauen. In dem Jahrzehnt, das erstmals eine Ahnung von Gleichberechtigung gewährt, in der blühenden Kreisky-Ära, wittern Karin und Nina ihre Chance auf künstlerische Verwirklichung. Sexualität ist frei, Nacktheit erwünscht, Drogen erlaubt. Aber dann erkennen die beiden - und mit ihnen alle anderen Frauen -, dass sie doch nicht über die zweite Reihe hinauskommen.

Im Gegenteil, dank der postulierten Grenzenlosigkeit machen sich die Männer auch noch im ur-weiblichen Terrain breit und wichtig. Und nun, wo auch Männer schön sein dürfen, ist es natürlich ein Mann, der alle aussticht: Valentin. Nina kniet vor ihm und steckt den Saum seiner Kleider zurecht. Sie selbst hat keine spezielle Begabung, "irgendwas mit Kunst" will sie machen - und dazugehören. Aber sie schafft es nur zur Muse. Ihre große Liebe, Valentin, benutzt sie als Inspirationsquelle, "wie ein nimmersatter Vampir" hängt er an ihr. Nina tapst als Irrlicht durch die Szenerie.

Die Kamerafrau Karin wird auf der Filmakademie bestenfalls als Handlangerin geduldet. Daheim in der WG ist sie es, die sich um die Wäsche kümmert und für ein warmes Essen sorgt, während ihr Kerl Bedeutenderes schafft. Männer erklären die Welt und geben Meinungen vor. Als Assistentinnen der männlichen Eitelkeit trösten sich die Hippiefrauen halt mit gegenseitiger Wertschätzung.

Schillernde Zeitreise

"Lieblinge der Götter" ist eine schillernde Zeitreise. Doch nicht der Stil ist pathetisch, sondern das Thema des Romans. Sommerer seziert die Charaktere psychologisch exakt, jedoch so behutsam, dass man sich nicht fremdschämen muss. Die bittere Erkenntnis aller Personen: Nichts funktioniert ohne Grenzen.

Oh ja, die Hippies der siebziger Jahre waren Lieblinge der Götter - allerdings nur die Männer. Der Roman vom Amaryllis Sommerer, die als Drehbuchautorin und Filmdramaturgin gearbeitet hat und als Autorin mehrerer Kinderbücher und Romane in Wien lebt, ist eine spannende, farbenprächtige Sozialstudie einer ganz besonderen Zeit.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-10-18 16:21:50
Letzte Änderung am 2018-10-18 17:44:23



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