• vom 20.10.2018, 16:00 Uhr

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Letzter Frühling eines Poeten




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Von Gerhard Strejcek

  • Der deutsche Autor und Kritiker Volker Hage beschäftigt sich in seinem neuen Roman, "Des Lebens fünfter Akt", mit Arthur Schnitzler und dessen Frauenquartett.



Der tragische Tod der noch nicht einmal neunzehnjährigen Lili Schnitzer am 26. Juli 1928 ist Ausgangspunkt eines Schnitzler-Romans über die letzten drei Lebensjahre des Wiener Dichters, der am 21. Oktober 1931 starb.

Die aufgeweckte, frühreife Lili, die einst Vätern, welche die Familie verlassen, den Galgen empfahl, schoss sich nach einem streitgeladenen Hitzetag in Venedig eine Kugel in die Brust. Ihre italienische Wartefrau sprach von einem nervösen Anfall, aber der Analytiker Schnitzler fand in den Aufzeichnungen von Lili den suizidaffinen Wunsch "vorrei morire" ("ich möchte sterben"); zudem hatte die verheiratete Lili eine Affäre mit einem Besucher aus Mailand begonnen und eine Bekannte in unheilschwangerer Vorahnung gebeten, den Vater in Wien zu grüßen.

Information

Volker Hage
Des Lebens fünfter Akt

Roman. Luchterhand, München 2018, 320 Seiten, 20,60 Euro

Lebensnahe Dialoge

Ihr Gatte, der stramme Faschistenführer Arnoldo Cappellini, wollte sie bereits verlassen, besann sich dann aber eines Besseren, denn immerhin lebte das Paar von den Tantiemen und Honoraren des berühmten Vaters. Die besondere Tragik von Lilis Selbstmordversuch bestand darin, dass er mit einer österreichischen Armeepistole erfolgte, in deren Lauf eine rostige Kugel steckte. Der Exitus trat infolge einer Sepsis ein; Olga und Arthur Schnitzler, aber auch Bruder Heini waren am Boden zerstört.

All diese Fakten sind nicht unbekannt und wurden von mehreren Biografen, wie etwa Renate Wagner und Giuseppe Farese, bereits aufbereitet. Zudem lassen sich Details, wie der Linienflug des geschiedenen Paars von Wien nach Venedig mit der OeLAG (der Vorgängerin der heutigen Au-
strian Airlines) und die bangen Begegnungen im Spital sowie am jüdischen Friedhof, minutiös aus dem Tagebuch zusammenreimen.

Lilis Schicksal hat bereits andere belletristische Versuche inspiriert. Dennoch ist Volker Hage ein Wurf gelungen, denn seine lebensnah verfassten Dialoge klingen so, als ob sie tatsächlich über Lido und Canal Grande gehallt wären.

"Ménage à quatre"

Lebensnah beschreibt er auch die schwierige Situation des Autors, der zwischen Beziehungen zu seiner Lebensgefährtin (Clara Pol-
laczek), seiner eifersüchtigen Ex-Frau (Olga), einer jungen Bankangestellten (Hedy Kempny) und einer von der Ehe frustrierten Französisch-Übersetzerin (Suzanne Clauser) balancieren musste. Zumindest mit Letzterer hatte er auch ein erotisches Verhältnis, mit Hedy knisterte es, wogegen Olga das Familiäre und Clara das Geistige abdeckten und durch kluge Statements sowie - im Fall von Frau Pollaczek (geb. Loeb) - durch eigene Romanversuche punkteten.

Dass Schnitzler in seiner
ménage à quatre nicht unterging, verdankte er einer fünften Frau, seiner Sekretärin Frieda Pollak, (nach Lilis legasthenischer Verdrehung "Kolap" genannt), die in ihrer Diskretion und Loyalität den Autor vor einigen, aber nicht allen Szenen bewahrte. Zu Recht bedauert Hage, dass die Schwester eines dichtenden Juristen keine Aufzeichnungen überliefert hat. Sie pilgerte fast täglich von ihrer Wohnung in der Hörlgasse in die Schnitzler-Villa nach Währing, wo sie Diktate entgegennahm und dem alternden Poeten zur Hand ging.

Der 1949 in Hamburg geborene Kritiker ("Die Zeit", "Spiegel") und Autor ("Die freie Liebe") Volker Hage hat Sekundärliteratur und Primärquellen, wie Lilis persönliche Aufzeichnungen, studiert. Da es sich um Belletristik handelt, fehlen Anmerkungen, ein Epilog gibt Aufschluss über die handelnden Personen. Hage dankt jenen, die den Nachlass aufbereitet haben, wobei Werner Welzig als Tagebucheditor eine namentliche Erwähnung verdient hätte.

Neben der Durchleuchtung von Schnitzlers Liebes- und Lebensnöten schärft Hage das Verständnis für den "politischen" Schnitzler. Außen- und Innenpolitik hätten mehr Raum verdient, da sich das Alter Ego Freuds über den frühzeitig erduldeten Antisemitismus hinausgehend höchst kritisch geäußert hat, wie übrigens auch über alle Kritiker. Insgesamt gelingt es dem Autor in sensibler Weise, Schnitzlers fünften "Lebensakt" zu vermitteln, wozu auch exzep-tionell gelungene Formulierungen das Ihre beitragen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-10-18 16:45:50
Letzte Änderung am 2018-10-18 17:45:14



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