• vom 27.10.2018, 09:30 Uhr

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Das Wesentliche liegt im Dunklen




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Von Bruno Jaschke

  • Michael Ondaatjes Roman "Kriegslicht" schildert das London der Nachkriegsjahre als geisterhafte Schattenwelt.

Buchstäblich ein Welt-Autor: Der kanadische Schriftsteller Michael Ondaatje.

Buchstäblich ein Welt-Autor: Der kanadische Schriftsteller Michael Ondaatje.© Ulf Andersen/Gamma-Rapho via Getty Images Buchstäblich ein Welt-Autor: Der kanadische Schriftsteller Michael Ondaatje.© Ulf Andersen/Gamma-Rapho via Getty Images

England, kurz nach Kriegsende: Die Eltern eröffnen dem (in der Ich-Form erzählenden) 14-jährigen Nathaniel und seiner etwas älteren Schwester Rachel, sie müssten wegen eines beruflichen Einsatzes des Vaters für ungefähr ein Jahr nach Singapur. Sie lassen die Kinder in London in der Obhut eines Mannes zurück, den sie wegen seiner etwas ungelenken Bewegungen "den Falter" nennen.

Mit ihm kommt eine Reihe seltsamer Personen, die augenscheinlich illegalen Tätigkeiten nachgehen, in das Elternhaus in den Ruvigny Gardens. Deren Auffälligster ist ein Mann, der allgemein "Der Boxer" gerufen wird und eine enorme Anziehungskraft auf Frauen ausübt. Rasch entdecken die Geschwister aber bei dem ungehobelten Kleinkriminellen, der Windhunde für illegale Wettrennen nach England schmuggelt, Herzenswärme und Empathie.

Für Nathaniel wird er zur wichtigsten Bezugsperson seiner Jugend, indem er den Buben in seine Aktivitäten einbindet und zu halsbrecherischen Autofahrten und nächtlichen Bootstouren auf der unbeleuchteten Themse und ihren Seitenarmen rund um London mitnimmt. Seiner ersten Liebe, der Kellnerin Agnes, stellt Nathaniel den Boxer sogar als seinen Vater vor.



Da Rachel im Keller den Koffer der Mutter entdeckt hat, wissen die Kinder, dass sie - anders als der Vater, der nie mehr zurückkommen wird - gar nicht wirklich verreist ist. Einmal glaubt Nathaniel sogar, die Mutter bei einer Tanzveranstaltung kurz gesehen zu haben, kann jedoch diesen

Information

Michael Ondaatje
Kriegslicht

Roman. Aus dem Englischen von Anna Leube. Hanser, München 2018. 319 Seiten, 24,70 Euro

Eindruck nicht verifizieren. Zu einer dramatischen Wiederbegegnung kommt es aber, als ein Anschlag auf die Kinder verübt wird, der das Leben des "Falters" kostet.

Nach diesem Ereignis bricht Rachel, die Schauspielerin wird, so gut wie jeglichen familiären Kontakt ab. Mutter und Sohn hingegen kommen wieder in Suffolk zusammen. Eine emotionale Bindung lässt sich aber nicht mehr wiederherstellen. Erst Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod wird
Nathaniel als Beamter des Außenministeriums das Doppelleben seiner Mutter entschlüsseln, die als britische Geheimagentin während des Kriegs die Deutschen und danach rachsüchtige Faschisten-Sprengsel in Italien und auf dem Balkan bekämpft hat.

Gedämpfte Illumination

Mit dem Titel "Kriegslicht" ist, wiewohl er als zeitlicher Rahmen für den Handlungsablauf eigentlich etwas in die Irre führt, das Wesen des Romans treffend charakterisiert. Zum einen ist der Krieg, obwohl seit Jahren offiziell beendet, "noch nicht komplett unter Verschluss", sondern schwelt in Partisanenkämpfen weiter.

Zum anderen bezeichnet "Kriegslicht" ein Ambiente, das keine Orientierung und sicheren Anhaltspunkte ermöglicht. Das Meiste, was geschieht, findet wie im Krieg bei gedämpfter Illumination oder in Dunkelheit statt; aufflackernde Blitze, Boots- und Autoscheinwerfer, schummrige Saallichter und die schwachen Beleuchtungen der Industriegebäude entlang von Land- und Wasserstraßen sind die paar Quellen, die sporadisch Licht auf nächtliche Schmuggelfahrten, Tanzveranstaltungen oder Nathaniels Sex mit Agnes werfen. Noch später, bei der Niederschrift der Erinnerungen, scheint es dem Protagonisten, "als schriebe ich bei Kerzenlicht. Als könnte ich nicht sehen, was im Dunkel jenseits der Bewegung dieses Stifts geschieht". Nicht Handlungsabläufe sind hier das Wesentliche; sondern was hinter ihnen und um sie liegt. Beziehungsweise: Was im Dunklen liegt - oder liegen könnte -, ist spannender als das, was ans Licht kommt.

Impressive Bilder

Für eine solche Geschichte im wahrsten Sinn die richtigen Worte zu finden - das heißt also, viel Vages, Assoziatives, Ungewisses, Spekulatives zu einer schlüssigen Form zu fügen -, ist ziemlich die größte kreative Herausforderung des literarischen Schöpfungsaktes. Ondaatje, der Autor des "Englischen Patienten", bewältigt sie nicht einfach - er geht darin auf.

Kongenial unterstützt von der Übersetzerin Anna Leube, hält er auf diese Weise das London der Nachkriegszeit in impressiven Milieu- und Sittenbildern fest: "Es war eine Zeit der Kriegsgespenster, von grauen Gebäuden, unbeleuchtet bei Nacht, ihre zerbrochenen Fenster waren auch jetzt noch mit einem schwarzen Stoff bedeckt, wo Fensterscheiben gewesen waren. Immer noch wirkte die Stadt verwundet, sich ihrer selbst nicht sicher. Man konnte daher auf Regeln pfeifen." Ob die Komik um eine Kirchenzeitung, für die "auf Teufel komm raus ein spiritueller Gehalt gesucht und auch gefunden" wurde, beabsichtigt ist oder nicht - es passt atmosphärisch gut in dieses Buch.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-10-25 15:51:58
Letzte Änderung am 2018-10-25 16:05:38



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