• vom 26.10.2018, 18:00 Uhr

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Von Thomas Karny

  • Günter Wels beleuchtet in seinem Roman-Debüt "Edelweiß" die wenig bekannte Geschichte österreichischer Fallschirmagenten im Dienst der Alliierten und hinterfragt den Stellenwert von Moral, Idealismus und Verrat.

- © Corbis/VCG via Getty Images

© Corbis/VCG via Getty Images

Etwa 150 Widerstandskämpfer hatten sich während des Zweiten Weltkrieges den Alliierten als Funk- und Fallschirmagenten zur Verfügung gestellt. Die meisten gerieten bei ihren gefährlichen Aktionen in die Fänge der Gestapo, wurden gefoltert, kamen in vielen Fällen zu Tode.

Ausgehend von diesen geschichtlichen Fakten entwirft der oberösterreichische Autor Günter Wels in seinem Roman-Debüt "Edelweiß" die Geschichte des Wehrmachtssoldaten Carl Maurer, der Anfang 1945 im Elsass zu den Amerikanern überläuft und sich vom Militärnachrichtendienst OSS (Office of Strategic Services) zum Fallschirmagenten ausbilden lässt. Ebenso wie die titelgebende Alpenblume Maurer als Deckname dient, verbirgt sich hinter dem Pseudonym Günter Wels der bekannte, 1963 in Bad Ischl geborene Kulturjournalist Günter Kaindlstorfer. Gäbe es nicht bereits die unter Wels erschienene Erzählsammlung "Maitage" aus dem Jahr 2010, man könnte meinen, Kaindlstorfer begänne bei sich selbst das für den Roman nicht unwesentliche Wechselspiel aus Klarname und Camouflage.



Information

Günter Wels
Edelweiß

Roman. Czernin Verlag, Wien 2018, 404 Seiten, 25,- Euro.

Der OSS-Einsatz des Carl Maurer, der gemeinsam mit zwei Kameraden Klarheit in die Gerüchte um die angebliche Errichtung der "Alpenfestung" bringen soll, beginnt denkbar ungünstig. Statt in der Nähe von Salzburg wird das Trio bei Traunstein abgesetzt. Einer der drei wird zum Verräter, Maurers Kamerad Kurt gerät in Gestapo-Haft, der Held des Romans ist in den Wirren des zu Ende gehenden Krieges bald auf sich alleine gestellt. Er entkommt Razzien der Feldgendarmerie, findet Unterschlupf bei mutigen Helfern und schlägt sich bis ins Salzkammergut durch, wo er von der dortigen Widerstandsgruppe wertvolle Hilfe bekommt.

Liebesglück in Linz

Auf seinem weiteren Weg nach Linz übersteht Maurer die in diesem Ausmaß wohl irrtümlich erfolgte und von Wels beeindruckend als eine Art österreichisches Dresden geschilderte Bombardierung Attnang-Puchheims, entrinnt durch eine schicksalshafte Fügung den Folgen einer sich abzeichnenden Enttarnung durch einen SS-Mann, findet in Linz ein kurzes, aber tragisch endendes Liebesglück, kann seinen Funkspruch absetzen: Die "Alpenfestung" ist eine propagandistische Mär. Auftrag erfüllt. - Später muss er erfahren, dass er bei seiner von Todesverachtung und Idealismus durchdrungenen Mission nur einer unter vielen war, den die Amerikaner für diese Aktion im Einsatz hatten, und seinem Engagement eigentlich keine große Bedeutung zukam.

Der Autor hat sich für die Schilderung der Agentenhandlung durch Archive gewühlt, viel Sekundärliteratur studiert und seine Recherchen durch Interviews mit Historikern und Zeitzeugen ergänzt. Die Schätze, die der erfahrene Journalist Kaindlstorfer aus diesem Fundus geborgen hat, platziert der engagierte Erzähler Wels als eindrucksvolles Zeit- und Lokalkolorit. Man erfährt viel Wissenswertes in diesem Roman, auch wenn manches in seiner Akribie etwas zu langatmig, anderes zu beschaulich geraten ist.




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Dokument erstellt am 2018-10-25 15:57:57
Letzte Änderung am 2018-10-25 16:07:29



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