• vom 03.11.2018, 10:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Wie das Tabu in die Sprache kommt




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Der aus Klagenfurt gebürtige Autor und Musiker Daniel Wisser hat mit "Königin der Berge" einen berührenden und unterhaltsamen Roman zum Thema Sterbehilfe vorgelegt, mit dem er für den Österreichischen Buchpreis nominiert ist. Eine Begegnung.



Den Finger auf die Unausweichlichkeit: Daniel Wisser.

Den Finger auf die Unausweichlichkeit: Daniel Wisser.© J. Zinner Den Finger auf die Unausweichlichkeit: Daniel Wisser.© J. Zinner

Als Mitglied des Ersten Wiener Heimorgelorchesters hat der Mann schon oft genug bewiesen, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt. Erst zu Beginn dieses Jahres etwa sorgte der standesgemäß auf die Sprache als hier sehr gerne zentrales Rohmaterial verweisende Albumtitel "Die Letten werden die Esten sein" (nach vorangegangenen Hits wie "Wurst-Käs-Szenario" oder "Mit den dritten Fall") dafür, dass kein Auge trocken blieb.

Nimmt man dann noch Genre-Hommagen im Zeichen eines ausgeprägten Nerdismus wie die Kraftwerk-Interpretation "Die Mensch-Maschine" und eine politische Grundhaltung dazu, die sich im Falle des Heimorgelorchesters etwa im Gewinn des Protestsongcontests 2009 mit dem Song "Widerstand ist Ohm" erklärt, kommt man auch der Person und dem Schriftsteller Daniel Wisser, der seit den Anfängen der Band im Jahr 1994 mit an Bord ist, schon relativ nahe.


Der 1971 in Klagenfurt geborene Autor und Musiker ist für seinen aktuellen und mittlerweile fünften Roman, "Königin der Berge", für den Österreichischen Buchpreis nominiert. Dass der auf knapp 400 Seiten äußerst kurzweilige Langtext abermals unterhaltsam ausfällt, liegt also einerseits nahe. Andererseits aber beschäftigt sich der Roman mit dem Thema Sterbehilfe beziehungsweise Freitodbegleitung und präsentiert als Hauptprotagonisten den an Multipler Sklerose erkrankten Mittvierziger Robert Turin, dessen Alltag im engen Rahmen eines Pflegeheims vom eigenen Verfall und den Krankengeschichten seiner Mitbewohner geprägt ist.

Was war die Motivation, sich diesem Thema zu widmen? Daniel Wisser bei einem Treffen mit der "Wiener Zeitung" im Kaffeehaus: "Bei der Freitodbegleitung gab es einen Fall in meiner Familie, der mir bewusst gemacht hat, wie komplex diese ganze Angelegenheit ist. Dazu kam, dass mir bekannte Literatur und Filme zum Thema diese Komplexität überhaupt nicht treffen. In den meisten Fällen driftet der Stoff in eine Liebesgeschichte ab, die den Tod vergessen macht und den eigentlichen Gegenstand aus den Augen verliert. Ich wollte den Finger auf die Unausweichlichkeit legen. Und im Fall der Multiplen Sklerose stand eine Person Pate, die ich zuerst als Zivildiener und später auch noch privat betreut habe."

Wissers genaue Schilderung des Pflegeheimalltags beruht also nicht auf ausgiebigen Extradiensten zwischen Recherche und Feldforschung vor Ort. "Ich habe versucht, diese konkrete Krankengeschichte aus der Erinnerung - das Ganze ist jetzt auch schon wieder 15 Jahre her - abzubilden. Im Grunde bin ich auch kein großer Freund der Recherche. Sie ist zwar dort notwendig, wo man sich gewisser Dinge versichert. Aber ich lehne sie ab, wo sie dem Schriftsteller, dem nichts einfällt, sein Außen ersetzt. Wenn jemand Romane aus dem Boden stampft, ohne dass ihn dabei etwas berührt, merkt man das den Büchern auch an."




weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-11-02 11:43:05
Letzte Änderung am 2018-11-02 14:13:53



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. standpunkt
  2. Toxisches Misstrauen
  3. T.C. Boyle über Timothy Leary
Meistkommentiert
  1. Else Lasker Schüler, alias "Prinz Jussuf von Theben"
  2. Hach, ist das schön!
  3. Die Ursubstanz des Österreichischen

Werbung




Werbung