• vom 03.11.2018, 10:00 Uhr

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Literatur

Wie das Tabu in die Sprache kommt




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Die Leserschaft stellt Daniel Wisser damit vor eine Herausforderung. Einerseits wünscht man seinem Romanhelden im Regelfall natürlich nur das Beste, sagen wir: ein Happy End. Für Robert Turin wäre das Happy End aber der Tod, dessen Herbeiführung auch seine Familie unterbinden will. Ein psychologischer Kunstgriff, der die Materie auch für Außenstehende spürbar macht. Überhaupt wird man an "Königin der Berge" nicht vorbeikommen, ohne das Wort Empathie in den Mund zu nehmen. Diese ist zwar kein gesellschaftliches Tabu, heute aber immerhin auch eine Seltenheit. Und apropos Empathie: Als Teilnehmer der "Millionenshow" wurde Daniel Wisser im Vorjahr von Armin Assinger die Millionenfrage gestellt. Noch im Studio hat der Autor verkündet, seinen finalen Gewinn von 300.000 Euro zur Hälfte für karitative Zwecke zu spenden. Kennt man die durchschnittlichen Lebensrealitäten eines Textarbeiters und Musikers in Österreich, könnte mancher in diesem Zusammenhang von einer Wahnsinnstat sprechen.

Wisser: "Auch ich habe in meinem Leben finanziell prekäre Phasen gehabt, und immer kam irgendjemand oder -etwas daher, der oder das mir geholfen hat. Ich finde, dass man das auch zurückgeben sollte. Ich habe zum Beispiel immer wieder Patenkinder in Indien gehabt und werde dieser Tage auch für Ärzte ohne Grenzen spenden, weil ich einerseits deren Arbeit sehr schätze. Außerdem hat mich zuletzt das Statement unseres Bundeskanzlers extrem verstört, der der Organisation unterstellte, mit Schleppern zusammenzuarbeiten. Ich finde nicht, dass das eine Öffentlichkeit auf sich sitzen lassen kann, und Ärzte ohne Grenzen schon gar nicht."

Ein moderner Autor

Politisches postet Daniel Wisser neben Alltagsbeobachtungen und literarischen Beiträgen auch in den sozialen Medien ("Ich sage immer, ich würde Twitter gerne poetischer machen - und Facebook politischer"), was seinen modernen Autorenbegriff ebenso mitdefiniert wie seine Textperformances, die er anstelle der althergebrachten Lesung bevorzugt. Wie schaut der durchschnittliche Arbeitsalltag von Daniel Wisser eigentlich aus? "Bei mir ist es geplantermaßen so, dass ich früh aufstehe und in der ersten Tageshälfte an neuen Texten schreibe, während am Nachmittag, konfrontiert mit all den Störungen, die etwa durch die neuen Medien entstehen, eher erneutes Lesen und Korrigieren angesagt ist. Ich versuche die ersten Stunden des Tages ohne Netz und ohne Handy zu schreiben. Der direkte Rückkanal, den die sozialen Netzwerke bieten, ist reizvoll, aber auch gefährlich, weil man mit dem Warten auf die oder das Beobachten der Reaktion sehr viel Zeit verbringt. Man kennt ja diese Fallen."

Von Roman zu Roman jedenfalls bleibt die Veränderung die Konstante: "Ich versuche, jedes Buch in einer ganz anderen Form und in einem ganz anderen Stil zu schreiben. Mit Schwärzungen und Theaterdialogen ist bei meinem nächsten Buch also nicht zu rechnen."

Am klassischen Literaturbetrieb übt Wisser durchaus Kritik. "Woran es dem Roman heute krankt, ist, dass er so eine deutsche Industrienorm geworden ist. Sehr viele junge Autoren werden dahin gebracht, dass sie durchaus beachtliche Ideen für 20 bis 50 Seiten auf 200 Seiten auswälzen, und sehr oft merkt man spätestens in der Mitte, dass da etwas fehlt, das noch eine weitere Ebene einzieht. Es ist ein Zeichen unserer Zeit. In den 70er Jahren gab es viele Bücher, die mit 60 bis 90 Seiten ohne die Gattungsbezeichnung ,Erzählung‘ oder ,Roman‘ erschienen sind, und das war eigentlich spannender."

Und wie blickt der Autor nun dem Österreichischen Buchpreis entgegen? "Also zunächst einmal hoffe ich, dass die Veranstalter sich bald aus diesem Modus wieder zurückziehen, dass Nominierte an einem Abend teilnehmen müssen, an dem sie den Preis nicht bekommen. Es müssen ja fünf Shortgelistete anwesend sein, von denen vier zwangsläufig leer ausgehen. Ich weiß schon, dass das Raum für die Dramatisierung gibt. Ich bin jetzt aber zum Beispiel seit vielen Jahren mit Josef Winkler (der gleichfalls auf der Shortlist steht, Anm.) befreundet, und es wird deshalb auch nicht zu einer Verfeindung kommen. Auch werde ich wohl die Einrichtung nicht zertrümmern, wenn der Preis an mir vorübergeht. Aber ein schönes Zeichen wäre die Auszeichnung schon. Ich finde vor diesem Hintergrund übrigens, dass sich der Deutsche Buchpreis wirklich gemausert hat und dass die Jury jetzt auch Autoren, die nicht toparriviert sind, zu etwas verhilft. Es wäre schön, wenn der Österreichische Buchpreis dasselbe täte und nicht in noch einen Preis verfiele, der einen Autor würdigt. Weil der Buchpreis, wie der Name schon sagt, ein Preis für ein Buch sein soll."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-02 11:43:05
Letzte Änderung am 2018-11-02 14:13:53


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