• vom 09.11.2012, 14:50 Uhr

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Update: 09.11.2012, 15:19 Uhr
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Literatur

Odija, Daniel: Auf offener Straße


Von Andreas Wirthensohn
  • Der polnische Jungautor Daniel Odija zeichnet ein drastisches Bild von den Elenden seiner Heimat - und liefert zugleich ein Wunder an Poesie und Ironie.



Hier also leben sie, all die Gestrandeten, die Verlierer, die gescheiterten Existenzen, die es irgendwie nicht so recht geschafft haben in die neue polnische Zeitrechnung nach 1989. Hier also leben sie, in der ulica Długa, einer jener Straßen, "von denen es in der kleinen Stadt viele gibt" und die seit zehn Jahren in den Stadtplänen nicht mehr eingezeichnet sind, weil es ja jetzt aufwärts geht und man sich ungern aufhält mit all den nichtsnutzigen "Dummköpfen", "Tölpeln" und "Liebhabern von allem, womit man sich den Schädel zudröhnen kann".

Hier also leben sie: Pattex, der Klebstoffschnüffler, Cupiał, der sich "redlich müht mit dem Nichtstun", Kanada, der einst mit einem Stipendium in Amerika war und nun in der Wirklichkeit seiner alkoholgeschwängerten Fiebervisionen lebt, und die drei Cebula-Schwestern, die der Prostitution frönen, gelegentlich ein Kind zur Welt bringen und sich in Geld oder in Haushaltsgeräten bezahlen lassen.

Information

Daniel Odija: Auf offener Straße. Roman. Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Zsolnay, Wien 2012, 140 Seiten, 15,40 Euro.
Der Autor liest am 22. November um 19 Uhr im Wiener Literaturhaus, Seidengasse 13, 1070 Wien.

Im Grunde genommen ist es ein ganz fürchterliches Panoptikum des Schreckens, das Daniel Odija uns da präsentiert. In Polen ist dieser Roman bereits 2001 erschienen, er war das Debüt des 1974 geborenen Autors und sorgte damals ob seiner drastischen Milieuschilderungen für einiges Aufsehen. Wer liest schon gerne von Kindern, deren Lieblingsbeschäftigung es ist, Katzen die Augen auszudrücken, oder von Jugendlichen, die am liebsten auf "menschlichen Abfall" einprügeln und am Ende sogar den Briefträger ermorden? Und doch ist dieses mitunter schwer erträgliche Buch ein Wunder an Poesie und Menschenliebe.

"Er wusste schon, was er heute machen würde. Er würde nach Ustka fahren, Obstwein trinken und Verse schreiben. Er hatte schon lange nichts mehr geschrieben, sehr lange. Er hatte keine Zeit, denn er trank. Manche nannten ihn einen Dichter, vor allem die Säufer, mit denen er trank. Diejenigen, die ihn nicht so nannten, wussten nicht einmal, dass so etwas wie Poesie existierte."

Grandiose Sätze wie diese über den verhinderten Poeten Antoniuk finden sich zuhauf in diesem Roman, der nicht wirklich einer ist, sondern kaleidoskopartig die verschiedensten Szenen aus dem Alltag in der ulica Długa versammelt. Das Elend der "Unterschicht" wird beileibe nicht verklärt, aber es wird auf eine poetische Ebene gehoben, in der es seine Würde zurückerlangt und in der selbst das ziellose Dahinleben so etwas wie einen Sinn und eine existenzielle Berechtigung bekommt.

Allen Figuren, mögen sie bedauernswerte Säufer oder wenig sympathische Kleinkriminelle sein, gehört das Mitgefühl der Erzählinstanz, die in allwissender Erhabenheit ins Innere der Straßenbewohner schlüpft, oder aus göttlicher Höhe auf die Wesen blickt, die, ohne es zu ahnen, schon bald dem Tod begegnen. "Der Tag, von dem Kanada nicht wusste, dass es sein letzter sein würde, war schön. So schön, dass in Kanada für einen Moment ein Empfinden erwachte."

Ein Empfinden zum Leben erwecken - genau das schafft Odija auf beeindruckende Weise, und so erscheinen die Bewohner der ulica Długa keineswegs als stumpfsinnige Tölpel, sondern als ehrliche Arbeiter im ein wenig verwahrlosten Weinberg des Lebens. So auch die Cebula-Schwestern: "Wenn sie im Bett oder in der Wiese lagen, bildeten sie schön geformte Tropfen, die man am liebsten aufgeleckt hätte und von denen man nicht genug kriegen konnte. Sie verstanden diese Begierde, die sie mit viel Engagement und Hingabe zu befriedigen suchten, und sie wussten, dass diese Begierde ungeachtet all ihrer Bemühungen ständig fortdauern würde, und selbst wenn es sie nicht mehr geben würde, wenn ihre glatte Haut und die Augen vertrocknen und unter der Erde mit Flüssigkeiten aus den toten Eingeweiden unterlaufen würden, würde diese Begierde bestehen bleiben. Daher schufteten sie sich ab."

Daniel Odija gehört zur jungen Schriftstellergeneration Polens, die eine ganz eigene Form der sozialkritischen Literatur pflegt: oft sehr drastisch in Darstellung und Sprache, aber doch auch mit viel Witz und Ironie. Für billige Sozialromantik ist dabei kein Platz. Die Träume von Kanada, Antoniuk oder Globus, die Odija immer wieder einstreut, handeln nicht vom Glück oder einer besseren Welt, sondern von Gewalt und Tod. So wie der Traum von Žaba, dem Anführer einer Kriminellenbande, der auch nicht mehr lange zu leben hat: "Žaba träumte oft von Tausenden Fliegen ohne Flügel, die er mit seinen großen Schuhen zertrat. Am Ende zerquetschte ihn eine Fliege, größer als er, mit ihrem behaarten Bein."




Schlagwörter

Literatur, Bücher, Extra, Rezension

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