• vom 16.09.2005, 17:30 Uhr

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Update: 16.09.2005, 17:33 Uhr

Blick in den Orchestergraben

Tindall: Mozart in the Jungle - Sex, Drugs and Classical Music




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Von Peter Haffner

Sex & Drugs, haben wir immer gedacht, seien die Zugaben des Rock n Roll. Blair Tindall, einst Oboistin bei den New Yorker Philharmonikern, belehrt uns eines Besseren. In ihrer soeben erschienenen Autobiographie, "Mozart in the Jungle", schildert sie freimütig ihre Drogenerfahrungen und sexuellen Abenteuer in der Welt der klassischen Musik, die in der lakonischen Feststellung gipfeln, sie habe die meisten ihrer Engagements im Bett erhalten.


Kein Kind von Traurigkeit, hat Blair Tindall selber kaum eine Gelegenheit ausgelassen, ihre Karriere auf diese Weise zu befördern, und wer auf der Suche nach pikanten Geschichten ist, braucht in diesem Buch nicht lange zu blättern. Auch über die sexuellen Qualitäten von Instrumentalisten lässt sich die Autorin detailliert aus: Pianisten, erfahren wir etwa, seien feinfühlige Liebhaber, Waldhornbläser indes zumeist impotent.

Der Übergang vom musikalischen zum erotischen Zusammenspiel ist bisweilen nahtlos; gar manches Duett oder Quartett, in dem sie mitspielt, endet im Bett. Dies jedenfalls in den 80er Jahren, von denen Tindall erzählt; einer Zeit, in der es in ihren Kreisen durchaus zum guten Ton gehörte, Sex-Clubs wie "Platos Retreat" in New York zu besuchen. Im Kontrast zu solchen Eskapaden steht ihre einzig wahre Liebe, die zum Pianisten Samuel Sanders. Doch auch diese Geschichte ist ein Lehrstück über die Moral von Tindalls Arbeitswelt. Der einst umschwärmte Begleiter des Star-Violinisten Itzhak Perlman, ein sensibler und gesundheitlich schwer angeschlagener Künstler, sah sich am Ende im Spital von allen verlassen; ein trauriger Beweis dafür, dass im harten Konkurrenzkampf nur zählt, wer einem nützt.

Kokain, Haschisch, Popper und Alkohol waren und sind unter klassischen Musikern nicht weniger verbreitet als unter ihren kaum je der Nüchternheit verdächtigten Kollegen der Pop- und Rockbranche. Das Schicksal einer Cellistin des American Symphony Orchestra, die sich schließlich für einen Schuss auf der Straße prostituierte und an AIDS erkrankte, ist ein krasses Beispiel; allein ihr 350.000 Dollar teures Cello hatte die Instrumentalistin, letztes Zeichen der Würde, nicht verhökern mögen.

Blair Tindall schaffte es nicht in die Weltspitzenklasse, doch sie hat mit Dirigenten-Größen wie Leonard Bernstein, Klaus Tennstedt und Zubin Mehta zusammengearbeitet, bevor sie sich entscheiden musste, entweder Engagements nachzurennen, die zwar prestigeträchtig sind, aber zum Leben nicht ausreichen, oder aber ihr Geld am Broadway zu machen, wo man jahrelang dieselben Noten desselben Musicals herunterspielt. Da, im Orchestergraben, teilt sie die gähnende Langeweile mit den Kollegen, auf deren Notenständern nicht mehr Noten, sondern Kreuzworträtsel und Zeitschriften liegen. Was Blair Tindalls Buch über amüsante Anekdoten hinaus interessant macht, sind ihre Schilderungen des Auf- und Niedergangs der klassischen Musik in den USA, die sie in ihrer 25-jährigen Karriere am eigenen Leib erlebt hat. Viele Absolventen von so renommierten Konservatorien wie der Juilliard-School in New York finden später keine regelmäßige Arbeit als Musiker, sind aber für andere Jobs nicht qualifiziert. Die Gelder für Kunst und Kultur fließen seit den 90er Jahren deutlich spärlicher. Den astronomischen Salären von Dirigenten und Star-Instrumentalisten steht die breite Masse solider Musiker gegenüber, die sich nicht einmal eine Krankenversicherung leisten können.

Blair Tindall meint, einer der großen Fehler in der Ära der Hochkonjunktur der klassischen Musik sei die Arroganz gewesen. Einst selber stolz, dass sie einen Song der Beatles nicht von einem von Blondie unterscheiden konnte, hat Blair Tindall nicht nur im Jazz-Quintett des Rolling-Stones-Schlagzeugers Charlie Watts die Erfahrung gemacht, dass Musiker der verschiedenen Sparten mehr miteinander gemeinsam haben, als sie gewöhnlich zuzugeben bereit sind. Sie selber hat die Berufsmusik aufgegeben und in Stanford Journalismus studiert; heute schreibt Blair Tindall für die "New York Times" und andere Publikationen.

Blair Tindall: Mozart in the Jungle - Sex, Drugs and Classical Music. Atlantic Monthly Press, New York, 2005 .

Blair Tindall: Mozart in the Jungle - Sex, Drugs and Classical Music. Atlantic Monthly Press, New York, 2005 .



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Dokument erstellt am 2005-09-16 17:30:19
Letzte Änderung am 2005-09-16 17:33:00



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