• vom 05.03.2005, 11:51 Uhr

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Update: 29.10.2005, 11:51 Uhr

Kegel: Wagner - Parsifal




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Von Edwin Baumgartner

Seinem "Parsifal" hat Richard Wagner den Untertitel "Ein Bühnenweihfestspiel" gegeben. Was dazu führt, dass immer wieder Dirigenten der irrigen Meinung sind, man müsse dieses Werk in möglichst langsamen Tempi zelebrieren. Jämmerlichste Beispiele: James Levine, der in Bayreuth offenbar versuchte, die Musik anzuhalten. Und Simon Rattle, der in der Wiener Staatsoper das Stimmgeflecht in Zeitlupe zerfaserte.


Wenige Dirigenten wagen angesichts dieser vermeintlichen Tradition (Wagner selbst soll den Uraufführungsdirigenten Hermann Levy wiederholt zu schnelleren Tempi aufgefordert heben) den Widerspruch. Einer davon ist Pierre Boulez, der ausführt, "feierlich" sei für eine Musik eine Charakter- und keine Tempobezeichnung. Und den wunderbarsten, klangschönsten "Parsifal" dirigierte, den man sich vorstellen kann. Und, nebenbei bemerkt, auch den schnellsten.

Herbert Kegel unterscheidet sich in den Tempi kaum von Boulez. Der nun erschienene Mitschnitt einer konzertanten Aufführung in Leipzig könnte dennoch unterschiedlicher nicht sein: Wenn Boulez der "Parsifal"-Musik ein überirdisches Leuchten, eine beispiellose klangliche Schönheit und Delikatesse abgewinnt, so kocht sie bei Kegel auf Siedehitze.

Kegels "Parsifal"-Deutung hat nicht ihresgleichen: Bei ihm ist die Musik von einzigartiger eruptiver Kraft (man höre nur die Zwischenspiele des ersten und des dritten Aktes). Es lodert und brennt, die Motive schießen auf in scharf umrissenen Konturen. Könnte man Boulez' Interpretation als "impressionistisch" bezeichnen, so ist die Kegels "expressionistisch".

Was von den Sängern ideal mitgetragen wird. Denn alle singen mit äußerster Wortdeutlichkeit, oft ganz knapp am expressiv gesteigerten Sprechgesang. René Kollo war nie besser als in dieser Einspielung, in der er den Parsifal mit glühender Intensität singt. Theo Adam als zerquälter Amfortas wird bis heute nur von Thomas Quasthoff übertroffen. Ulrik Cold ist bei Kegel ein sehr heller, heldischer Gurnemanz ohne die oratorische Müdigkeit, die oft in diese Partie hineingelesen wird. Gisela Schröter verleiht der Kundry weniger dämonische Züge als solcher verletzter und geschändeter Weiblichkeit.

Wahre Wunderdinge vollbringen auch die Chöre (Rundfunkchor Leipzig, Rundfunkchor Berlin, Thomanerchor Leipzig) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig, die Kegels Interpretation mit Leidenschaft und Präzision folgen.

Überhaupt wäre es an der Zeit, den Dirigenten Herbert Kegel wieder zu entdecken. Kegel war die bedeutendste Dirigenten-Persönlichkeit der DDR neben Franz Konwitschny. Als Vorkämpfer für die zeitgenössische Musik brachte Kegel Werke von Komponisten wie Paul Dessau, Friedrich Goldmann und Paul Heinz Dittrich zur Uraufführung. Es gelang ihm, in der DDR Boris Blacher und Hans Werner Henze auch mit ihren nicht Regime-konformen Werken - oft nach harten und langwierigen Kämpfen mit den politischen Stellen - durchzusetzen. Im Jahr 1990 beging der leidenschaftlich arbeitende Musiker Herbert Kegel Selbstmord - unbedeutendere DDR-Dirigenten hatten die Wende elegant geschafft und den großen, unliebsamen Konkurrenten ausgebootet. Eine sorgfältige Wiedergutmachung wäre hoch an der Zeit!

Herbert Kegel: Richard Wagner - Parsifal, Berlin Classics 0013482 BC (3 CDs)



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-03-05 11:51:12
Letzte Änderung am 2005-10-29 11:51:00


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