• vom 19.11.1999, 00:00 Uhr

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Update: 02.03.2005, 09:01 Uhr

Pop-CD

Sterne: wo ist hier




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Von Reinhold Aumaier

  • Hintersinn an Bord

http://www.wienerzeitung.at/bilder/pop/sterne.gif Der Kopf als Zielscheibe für den grünen Punkt · freie (Ein- und Aus-)Fahrt für jede Art von Gedanken?


Der rote Punkt als Bremslicht am Horizont. Beide Male keine gute(n) Aussicht(en). Der mit Reisegepäck eingedeckte Mann auf offener Landstraße · von einem Schüttbild-Anschlag schwer gezeichnet. In der

Kleckerfarbe Blau der Titel der CD: wo ist hier. Ernüchternd, das Bild; eingefroren, die "malerische" Szenerie. Doch darüber leuchten in Großbuchstaben DIE STERNE. Sterne gibt's bekanntlich wie Sand

am Meer. DIE STERNE aber sind einzigartig. Niemandem, der mit offenen Ohren den (Pop-)Äther angrast, können sie entgehen oder gar schnuppe sein. Schuld daran ist · wie so oft, wenn etwas auf

reizvolle Art zusammenklingt · einzig und allein die spezielle Mischkulanz. DIE STERNE erinnern, was das rein Musikalische betrifft, an eine der interessantesten US-Bands im Bereich des jazzig

angehauchten Rock vor 30 Jahren: Spirit.

In den Sound hat man sich bald eingehört: Easy Listening Ton für Ton. Dafür sind die Texte mit allerlei Widerhaken bestückt und kratzen nicht nur an der Oberfläche. Das Unterwegs-Sein und das

Hauptthema der STERNE anno '99. Das absorbiert jede Menge Details und Beobachtungen sozusagen im Vorübergehn . . . Text-STERN Frank Spilker und sein unausgesprochenes Warnschild an alle Ausdeuter

seiner ambivalenten Wort-Wörtlichkeiten: Bitte Abstand halten bzw. Hintersinn an Bord.

"Der Ort, an dem wir leben, ist im Vergleich zu dem, der kommt, ein Kaff", heißt es beispielsweise im Eröffnungscut "Ich variiere meinen Rhythmus". Es tänzelt die Scheibe locker-swingend ein. "Big in

Berlin" behandelt die Großstadtwirrnis, umhüllt den neo(n)glänzenden Hauptstadtkern mit einem knusprigen Sound-Teig. Ein Song wie eine Einflugschneise in den deutschen Big Apple. Intergalaktisch im

Soundscape und so etwas wie Goethe-(Institut-)kompatibel kommt "Nichts wie wir's kennen" daher. Das zeitlose Mantra im Refrain-Gewand dazu: "Wir müssen nichts so machen, wie wir's kennen/nur weil

wir's kennen, wie wir's kennen". 4-Sterne-Pop sozusagen, das Ding.

Das folgende "Dingeling" ist ein süßes, kleines, kluges, garstiges Ding; cool-relaxter Beat aus Menschenhand . . . Auch unter & von den Sternen muss es so etwas wie ein Highlight geben. "Bevor du

losgehst" bietet einmal mehr das Erlebnis, wie traurig so ein E-Piano funkeln kann. Als Rückgrat eingeschoben: ein Text wie eine reife Frucht · kullert auf Becketts Grab, um sich dort nach Bukowski

zu sehnen . . . und/oder umgekehrt. Das Frappierende: die stimmige Kombination von deutsch und Leichtigkeit. Die Erde · zur Sprache gebracht und gedeutet als Stern der im Grunde einsamen, gebundenen

Herzen: "Wenn wir nicht so verzweifelt hier sein wollen, können wir ja rausgehen oder ins Extrem." Der kleine Trost, dem niemand entgeht, erwartet uns bei "Das Bisschen besser". Fröhlichbeschwingte,

gleichmütige Wehmut ist angesagt: "Du hast dich aufgerieben und deine Energie ist jetzt irgendwie weg. Doch es hat dich gegeben, du hast Spuren hinterlassen immerhin, jemand wird sich erinnern ·

nichts ist perfekt."

"Melodie d'amour" wartet mit Chor- bzw. Kurgesang auf; öffnet über die Ohren das Herz; ist ganz am Reha-Puls der Zeit. Der vorletzte Cut hat den schönen Titel "Manchmal sagt man vertraute Sachen vor

sich hin". Ein Lied wie ein Heilkräutl.

Manche unter uns glauben nicht an die Sterne. DIE(se) STERNE aber sollten selbst sie sich nicht entgehen lassen.
Die Sterne: wo ist hier (Sony).




Schlagwörter

Pop-CD, Musik, Pop, CD

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1999-11-19 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-02 09:01:00


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