• vom 06.11.1998, 00:00 Uhr

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Update: 30.05.2012, 22:58 Uhr

Musik

Dylan, Bob: Live 1966 · The Royal Albert Hall Concert




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"The ,Royal Albert Hall` Concert", am 17. Mai in der Free Trade Hall in Manchester aufgenommen, verdankt ihre Berühmtheit einem Zuseher, der Dylan als "Judas" anschrie. In Bootleg-Zeiten falsch etikettiert, wird das Manchester-Konzert den falschen Namen nun auch in der offiziellen Version nicht los. Wie bei all seinen Konzerten bei der Europa-tournee trat Dylan zunächst solo in akustischer

Version auf, um im zweiten Teil dann mit seiner Band "The Hawks" (die spätere "The Band") die elektrische Variante darzubieten.

Einer schrie "Judas"

Die akustische Darbietung, auf der ersten CD festgehalten, enthält Songperlen wie "Desolation Row", "Visions of Johanna", "Mr. Tambourine Man" und "It's All Over Now, Baby Blue". Dylan wird mit zurückhaltendem Applaus bedacht, schließlich wußte jeder Konzertbesucher, daß der "Skandal" im zweiten Teil der Show stattzufinden hatte. Da kam der Troubadour mit Band auf die Bühne, begann mit

"Tell Me, Momma", um nach weiteren fünf Nummern mit "Ballad Of A Thin Man" zu enden.

Die Protesthaltung der Zuseher drückte sich in Manchester wie auch bei anderen Auftritten auf der Insel in rhythmischem Klatschen und in Zwischenrufen aus. Nach jedem Song steigerten sich die Mißfallenskundgebungen, die Dylan schon in den USA und Australien begleitet hatten. Bis plötzlich nach "Ballad Of A Thin Man" eben ein Zuseher laut "Judas" schrie. Die Reaktion des Publikum war lauter Beifall, Dylan nahm sich mit der Antwort Zeit, zitierte zunächst seinen zuvor dargebrachten Song "I Don't Believe You", um · nach einer kurzen Pause, in der die Musiker schon mit "Like A

Rolling Stone", der ersten der zwei üblichen Zugaben, begannen · ein melodisches "You're A Liar" ins Mikrofon zu schmettern und der Band mit "play fuckin' loud" das entscheidende Kommando zu erteilen.

Für heutige Verhältnisse klingt der Song noch immer eher sanft, lebt von den lang gezogenen Worten, die Dylan dem Publikum entgegenschleuderte. Die zweite Zugabe entfiel an jenem Abend, Dylan verabschiedet sich mit einem ironischen "Thank you". Das Publikum applaudiert, die Sache war damit vorbei und erledigt.

Gemessen an der feindlichen Stimmung, die Sinead O'Connor bei der 30-Jahre-Dylan-Feier entgegenschlug, war es ein laues Lüftchen. Denn Dylan war 1966 entgegen dem Mythos nicht der große Ketzer gewesen. Die Folk-Puristen hatten sich gegen ihn gewandt, ein neues Publikum ihn aber als Helden auserkoren. Seine Singles "Like A Rolling Stone", "Positively 4th Street" und "Rainy Day Women No. 12 & 35" kletterten genauso wie die Alben "Highway 61 Revisited" und "Blonde On Blonde" die Hitparaden hoch. Dylan war sich dieser Situation bewußt, und hatte für die Ex-Fans eher sarkastische Worte übrig:

"Ich meine, sie mußten ganz schön reich sein, um irgendwo hinzugehen und nur zu buhen."

In Großbritannien hatte er nicht nur Probleme, sondern konnte während seiner Tour die Anerkennung von Kollegen (Beatles, Rolling Stones) genießen. Dylan war 1966 ein Komet am Rockhimmel, für einige am Verglühen, für die meisten jedoch richtungsweisend. Wer Recht behalten hat, ist heute längst klar.
Bob Dylan: Live 1966 · The "Royal Albert Hall" Concert. The Bootleg Series Vol. 4 (Columbia/Sony).

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Schlagwörter

Musik, Pop, CD, Bob Dylan, Pop-CD

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-11-06 16:25:50
Letzte Änderung am 2012-05-30 22:58:20


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