• vom 27.09.2013, 15:36 Uhr

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Update: 27.09.2013, 15:44 Uhr

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Rock gegen Verlustschmerz




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Von Bruno Jaschke

  • Auf "Firedancer", dem neuen Album von Son Of The Velvet Rat, verarbeitet Georg Altziebler mit offensivem Sound düstere Themen wie den Tod seines Vaters.

Klagelieder in wenig klischeehafter Umrahmung: Georg Altziebler, Songwriter hinter Son Of The Velvet Rat, setzt auf "Firedancer" auch wieder auf E-Gitarren.

Klagelieder in wenig klischeehafter Umrahmung: Georg Altziebler, Songwriter hinter Son Of The Velvet Rat, setzt auf "Firedancer" auch wieder auf E-Gitarren.© Foto: Rebecca Korb Klagelieder in wenig klischeehafter Umrahmung: Georg Altziebler, Songwriter hinter Son Of The Velvet Rat, setzt auf "Firedancer" auch wieder auf E-Gitarren.© Foto: Rebecca Korb

Anfangs sind die Wege des Feuertänzers aus Wasser: Ein Boot kommt einen Fluss herauf und verursacht seltsame Dinge. Dann finden wir jemanden auf hoher See tief unten im Bauch eines Schiffs, wo es kohlrabenschwarz ist und nur das Flackern der Kerze Fahrtbewegung und Seegang optisch bezeugt.

"Captain’s Daughter" und "Blue Ribbon" sind die ersten zwei Songs von "Firedancer", dem neuen Album von Son Of The Velvet Rat. Der Opener lässt sich als Allegorie auf eine schwerwiegende Entscheidung lesen: Traust du dich ins kalte Wasser zu springen oder nicht? Im zweiten Stück verbirgt sich eine Meditation über die Liebe und den Nachhall der Toten.


Nachhall des Verlusts
Georg Altziebler, der sich hinter Son Of The Velvet Rat verbirgt, musste vor kurzem das Ableben seines Vaters beklagen. Er selbst macht zwei Songs namhaft, die er als Reaktion darauf geschrieben hat: "Sing For The Deaf" und "Friends With God". Aber es gibt auch noch andere Songs, in denen der Verlust nachklingt, etwa "Day At The Beach", wo Altziebler den Wind und die Vögel beschwört, dem Vater Grüße zu übermitteln.

Georg Altziebler ist nicht nur wegen seines Alters ein Veteran der österreichischen Independent-Musik. So gesehen mutet es ein wenig paradox an, dass er erst in diesem Jahrtausend zu voller Anerkennung kommt.

Die erste Platte hat der heute 53-Jährige nämlich bereits 1989 gemacht. Er führte damals die Formation Pure Laine. Nach dieser startete er Bloom 05; dann war Schluss mit dem Format "fixe Band". Altziebler zur "Wiener Zeitung": "10, 15 Jahre habe ich mehr oder weniger sinnlose Rockmusik gemacht, wobei ich auch immer der Songwriter war. Irgendwann ist es mir zu mühsam und fad geworden, immer wieder Arrangements zu diskutieren. Und ich wollte reduzieren. Ich habe angefangen, allein aufzunehmen und Songs so zu schreiben, dass ich sie auch allein gut transportieren konnte."

Altziebler lebt heute mit seiner Frau Heike Binder, die auch fixer Teil von Son Of The Velvet Rat ist, und ihrer beider Sohn eine Hälfte des Jahres in der kalifornischen Wüste.

Einfluss des Chansons
Er beherrscht Englisch wie ein Muttersprachler und wird in den USA für die literarische Qualität seiner Texte komplimentiert.

Seine Musik hat jenen aus Blues und Folk gespeisten archaischen Appeal angenommen, der gemeinhin als Americana bezeichnet wird. Da überrascht es zunächst, dass einer seiner grundlegenden Einflüsse das französische Chanson war.

"Französisch war die erste Fremdsprache, die ich gelernt habe und mein erster großer Held war Georges Brassens", erklärt Altziebler und präzisiert:

"Eigentlich erst über ihn bin ich auf den amerikanischen Folk gekommen. Es ist halt die Sprache eine andere und dadurch das Flair. Aber von der Harmonik und der Instrumentierung her sind sich die beiden Genres sehr ähnlich. Dass das meistens nicht herausgehört wird, liegt daran, dass das Chanson bei uns im popkulturellen Verständnis kaum verankert ist."

Melancholie des Ostens
Die häufige Konnotation mit "Americana" bereitet Altziebler Unbehagen, das zeigt sich auch im Interview mehrmals. Er wolle sich nicht mit Federn schmücken, die ihm nicht gewachsen sind. Seit längerem lässt er sich bei Son Of The Velvet Rat auch von einem "multikulturell" aufgestellten Line-up begleiten: Neben dem exzellenten Matthias Loibner an der Drehleier beschwert vor allem der neu hinzugekommene Trompeter, Gitarrist und Mandolinist Kolja Radenkovic den Sound mit etwas osteuropäischer Melancholie.

"Firedancer" kommt grosso modo allerdings überraschend offensiv daher. Altziebler, dessen dunkle Stimme sich durchaus mit dem Zugewinn an Dynamik verträgt, erklärt die Unterschiede zum Vorgänger: "Red Chamber Music war die erste Platte, die ich selbst produziert habe und auf die ich auch deswegen wirklich stolz war und bin. Ich wollte diesen Sound in seiner Rauheit und Unmittelbarkeit nicht ganz verlieren. Ich wollte aber auch nicht ein Red Chamber Music II machen, sondern etwas Neues einbringen. Ein großer Unterschied ist, dass auf dem Vorgänger nur akustische Gitarren drauf waren und hier großteils E-Gitarren. Das machte einen anderen, Rock-orientierteren Grundsound."

Son Of The Velvet Rat: Firedancer. (Monkey Music/Rough Trade)




Schlagwörter

Extra, Pop-CD, Musikkritik, Rezensionen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-09-27 15:41:03
Letzte Änderung am 2013-09-27 15:44:55



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