• vom 22.01.2010, 11:27 Uhr

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Update: 26.01.2010, 17:37 Uhr

Pop-CD

Tocotronic: Schall und Wahn




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Von Andreas Rauschal

  • "Im Zweifel für die Bitterkeit"
  • Unentschlossen, aber bestimmt: Die deutsche Band Tocotronic veröffentlicht ihr neuntes und bisher abwechslungsreichstes Album, "Schall und Wahn".

Tocotronic untermauern ihre Ausnahmestellung im deutschsprachigen Gitarrenfach. Foto: Universal

Tocotronic untermauern ihre Ausnahmestellung im deutschsprachigen Gitarrenfach. Foto: Universal Tocotronic untermauern ihre Ausnahmestellung im deutschsprachigen Gitarrenfach. Foto: Universal

Als Tocotronic im Juli 2007 ihr Album "Kapitulation" veröffentlichten, überraschte die Band vor allem in einer Hinsicht: Die 1993 in Hamburg gegründete und zuletzt von Berlin aus operierende Formation, die sich schon früh einen Namen als fleißiger Slogan- und Phrasenfabrikant erarbeitet hatte ("Digital ist besser", "Ich will Teil einer Jugendbewegung sein", "Das Unglück muss zurückgeschlagen werden" . . .), bemühte sich nach inhaltlich zunehmend verwässerten, weil auch assoziativ getexteten Arbeiten (wie ihrem titellosen weißen Album oder "Pure Vernunft darf niemals siegen" von 2005) um ein konkretes Statement. Und sie stellte einer Zeit der zunehmenden Zwänge den Höhepunkt ihrer schon immer gepflegten Verweigerungshaltung entgegen - "Sag alles ab!" und: "Fuck it all"! Kapitulation als Subversion, Aufgabe als Abwehrhaltung.


Musikalisch hatten Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und der 2004 offiziell als Bandmitglied vorgestellte Gitarrist und Keyboarder Rick McPhail zu diesem Zeitpunkt ihren frühen, zeitgleich nach Probenkeller und Jugendzimmer klingenden Sound ebenso überwunden wie die fruchtbaren Studiotüfteleien unter Regie des Hamburger Urgesteins Tobias Levin. Stattdessen kredenzten Tocotronic ausgefeilten Indie-Rock und brachten mit dem forsch-polternden Zweiminüter "Sag alles ab" und dessen immanenten Punk-Gestus auch einen Subtext mit ins Spiel: Wir mögen älter werden - aber erwachsen sind immer nur die anderen!

Ohne Leitmotiv

Die Erfahrungen dieses musikalischen Entwicklungsprozesses kanalisieren Tocotronic auf "Schall und Wahn" nun zur ihrem bisher abwechslungsreichsten Album, das sich nichtsdestotrotz und auch dank der Produktion von Moses Schneider (Peter Licht, Beatsteaks) wie aus einem Guss anlässt. Ambitioniert durchbricht die Band auf ihrem bereits neunten Streich mit dem Eröffnungsstück "Eure Liebe tötet mich" sowie der abschließenden Elegie "Gift" gleich zweimal die Achtminuten-Marke, ohne aber dabei langweilig zu werden.

Als neben diesen epischen Zügen größtes Unterscheidungsmerkmal zu seinem Vorgänger bietet das nach einem Roman des US-amerikanischen Literaturnobelpreisträgers William Faulkner benannte Werk (im Original: "The Sound and the Fury") die Beigabe von Bläsern und Streichern.

Arrangiert von dem abseits klassischer Gefilde bisher unauffälligen Komponisten Thomas Meadowcroft, bitten die Instrumentalisten zur Kakofonie, erstrahlen in quasi-symphonischer Breite oder heulen sich bitterlich aus. Das führt vor allem bei "Im Zweifel für den Zweifel" zu einem schon jetzt für immer und alle Zeit gültigen Höhepunkt im Werkkatalog der Band: Großes Kino!

Ein inhaltliches Leitmotiv sollte man sich diesmal aber nicht erwarten. Sänger und Texter Dirk von Lowtzow lässt viel Spielraum für Interpretationen. Nur zwischen den Zeilen wird "eine Lanze für den Widerstand" gebrochen, der "Gesang des Tyrannen" willkommen geheißen und "Ein leiser Hauch von Terror" besungen, der nicht näher erläutert wird. Dazu mimt von Lowtzow den Knaben aus dem Schulchor ("Gift"); und bei den Hintergrundgesängen von "Gesang des Tyrannen" meint man mitunter, Tocotronic wären bei Grizzly Bear in die Schule gegangen.

Die Texte dazu klingen wahlweise flapsig ( "Wer zu viel selber macht / Wird schließlich dumm / Ausgenommen Selbstbefriedigung" ) oder so gestelzt, dass auch der Berliner Baumöbel- und Werkstoffdichter Blixa Bargeld seine Freude daran haben könnte: "Im Zweifel für die Bitterkeit und meine heißen Tränen / Bleiern wird mir meine Zeit und doch muss ich erwähnen / Im Zweifel für Ziellosigkeit ihr Menschen hört mich rufen / Im Zweifel für Zerwürfnisse und die Zwischenstufen."

Aber das macht nichts. Mit dem dritten und letzten Teil ihrer verwirrenderweise rückwirkend ausgerufenen "Berlin-Trilogie" untermauern Tocotronic ihre Ausnahmestellung im deutschsprachigen Gitarrenfach ein weiteres Mal.

Nur in einem Punkt widerlegt sich die Band selbst. In einem Song heißt es: "Keine Meisterwerke mehr / Die Zeit ist längst schon reif dafür" .

Tocotronic auf MySpace

Tocotronic: Schall und Wahn (Universal)




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Dokument erstellt am 2010-01-22 11:27:44
Letzte Änderung am 2010-01-26 17:37:00



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