• vom 11.04.2016, 12:39 Uhr

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Update: 11.04.2016, 12:50 Uhr

Musik

Wehklagen mit Waldesluft




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Von Andreas Walker

  • Der US-Saxofonist Colin Stetson ist als Partner von Künstlern wie Arcade Fire höchst umtriebig. Nun begibt er sich auf die Spuren des polnischen Komponisten Henryk Górecki.

Ein Grenzgänger: der Saxofonist Colin Stetson.

Ein Grenzgänger: der Saxofonist Colin Stetson.© Brantley Gutierrez Ein Grenzgänger: der Saxofonist Colin Stetson.© Brantley Gutierrez

Henryk Góreckis 3. Sinfonie op. 36, die Sinfonie der Klagelieder, dürfte zu den berühmtesten klassischen Werken des 20. Jahrhunderts zählen. Nicht zuletzt liegt das an einer Einspielung der London Sinfonietta mit Dawn Upshaw (Sopran) unter der Leitung von David Zinman aus dem Jahr 1992, die es sogar in die Popcharts schaffte. Die Sinfonie selbst war als Auftragswerk für den Südwestfunk Baden Baden konzipiert und kam 1977 im französischen Royan zur Uraufführung. Im Gegensatz zur rhythmischen Klaviersonate Nr. 1 (1956) oder dem dynamischen Konzert für Cembalo und Streichorchester (1980) wirkt die Sinfonie Nr. 3 wie ein romantischer Anachronismus - geprägt vom tiefen Katholizismus Góreckis. In den 1990er Jahren störte sich das Publikum daran jedenfalls nicht mehr. Die CD verkaufte sich über eine Million Mal.

Trauer-Sinfonie

Die Sinfonie besteht aus drei Sätzen, in denen die Streicher dominieren. Thematisch geht es um die Trauer einer - symbolischen - Mutter über den Tod ihres Sohnes oder um Hoffnung und Zuversicht angesichts der Todesangst. Der ersten Klage liegt ein Text aus dem 15. Jahrhundert zugrunde, in welchem Maria um ihren gekreuzigten Sohn trauert. "Nein, Mutter, weine nicht, unbefleckte Himmelskönigin, steh mir allzeit bei", lautet der Text des zweiten Liedes, der sich an einer Wand des Gestapogefängnisses in Zakopane fand.

Er stammt von der damals 18-jährigen Helena Wanda Błazusiakówna, die dort 1944 inhaftiert war. Auch im dritten Satz, einem Volkslied aus dem 19. Jahrhundert, beklagt eine Mutter den Tod ihres Sohnes: "Er liegt in seinem Grab, und ich weiß nicht wo."

Nun hat sich der US-amerikanische Saxofonist Colin Stetson der sinfonischen Trauerarbeit angenommen. Stetson, zuletzt durch seine Zusammenarbeit mit der kanadischen Geigerin Sarah Neufeld (Arcade Fire) aufgefallen, erregte vor allem mit seinen drei "New History Warfare"-Alben Aufmerksamkeit. Das Stück "Awake On Foreign Shores" schaffte es sogar in den Film "12 Years A Slave". Die Geschichten der Kriegsführung zeichnen sich durch eine energetische Lebendigkeit aus, bei der das Saxofon auch gerne animalische Klangkulissen streift oder verwunschene Wälder imaginiert. Die Unruhe und Angst, aber auch die Schönheit der Aufnahmen wird stimmlich von Laurie Anderson oder Justin Vernon alias Bon Iver unterstützt.

Stetson gelang mit seiner Trilogie das Kunststück, Jazzmusik, die sich von Improvisationstechniken inspirieren lässt und deshalb zum Experimentellen neigt, wie atmosphärisch dichte Popmusik klingen zu lassen.

Warum nun ausgerechnet Góreckis 3. Sinfonie? Es überrascht zunächst, den 1977 in Michigan geborenen, mittlerweile in Mon-treal ansässigen Stetson auf dem "Sorrow" betitelten Album eine Komposition interpretieren zu hören, die so wenig zu seiner Spielfreude zu passen scheint und die vom Ausdruck alles andere als avantgardistisch ist. Doch Stetson erweist sich als genauer Kenner des Werks, dem er sich mit leidenschaftlicher Hingabe widmet.

Im Wesentlichen bleibt er der Originalkomposition treu. Nach eigener Aussage habe er keine Note verändert. Im Zentrum stehen allerdings nicht länger die Streicher, sondern Holzblasinstrumente. Dadurch wirken die Klagen weniger getragen und atmen etwas von der verwunschenen Waldesluft. Doch Stetson verzichtet keineswegs auf Streicher (für die auch hier u. a. Sarah Neufeld sorgt), reduziert sie jedoch und ergänzt deren Rollen um Synthesizer und E-Gitarre.

Black-Metal-Finale

Gleichzeitig treten neue energetische Sounds hinzu. Die größte Veränderung dürfte denn auch der Einsatz von Greg Fox von den US-Black-Metal-Neusichtern Liturgy am Schlagzeug sein. Das Ende des ersten Satzes ist gar wie ein Black-Metal-Stück arrangiert, was angesichts der katholischen Thematik beinahe blasphemisch wirkt. Den Gesang übernahm Stetsons Schwester Megan, eine gefeierte Mezzosopranistin, die in Kalifornien residiert. Bei aller Werktreue ist Colin Stetson damit eine spannende Interpretation Góreckis gelungen, mit der sich Puristen vielleicht schwer tun, die aber aufgrund ihrer Instrumentierung Klassik-, Jazz- und eventuell auch Metal-Liebhaber gleichermaßen begeistern dürfte.

Information

Colin Stetson
Sorrow
(52Hz/Indigo)





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-04-11 12:44:04
Letzte Änderung am 2016-04-11 12:50:36




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