• vom 27.12.2017, 09:30 Uhr

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Ästhetische Glücksfälle




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  • Bisher nicht besprochen, jetzt aber mit Nachdruck empfohlen: Die "Wiener Zeitung"-Kritiker über Pop- und Jazz-Alben, die man 2017 auch gehört haben sollte.

In der Physik ist die Entropie eine Größe, die das Maß der Unordnung eines Systems, einschließlich des Universums, beschreibt. Je zufälliger die Objekte eines Systems verteilt sind, desto größer ist seine Entropie. "Entropien I" (Cosmo Rhythmatic), der aktuelle Albumtitel des Duos Die Angel, bestehend aus Ilpo Väisänen (ehemals Pan Sonic) und Dirk Dresselhaus (Schneider TM), kommt daher nicht von ungefähr.



Es ist ein mächtiges System mutierender Schallzustände, das sich der Erforschung der physikalischen Komplexität unstrukturierter Elektroniksounds widmet. Das Album beginnt sanft. Allmählich gleiten Drones an die Oberfläche und verzerrte Gitarren, gezackte Riffs und Elektronikgeräusche formen melodienhaften Spuren, hinzu kommen tuckernde Rhythmen und heulende Geräusche. Auf zwei Stücken begleitet außerdem Oren Ambarchi das Duo und sorgt mit Trommeln, Gitarre, Effekten und Field Recordings für Lieblichkeit. Gewidmet ist das Album Väisänens Pan-Sonic-Kollegen Mika Vainio, der im April verstarb.

Christa Hager

***



Kann ein Kontrabass singen? Gewiss, wenn Gary Peacock dahintersteht, der Jazzfans aus seiner Mitwirkung in Keith Jarrett Standards Trio bestens bekannt ist. Auf "Tangents" (ECM/Lotus) musiziert der dynamische 82-jährige US-Amerikaner mit dem Gary Peacock Trio, das mit "Now This" bereits vor zwei Jahren eine hervorragende Scheibe präsentiert hat. So wie guter Wein ausreift, überzeugen Peacock und sein Kollege Marc Copland am Klavier in ihrem nonverbalen Einverständnis und setzen dank ihrer Virtuosität zu artistischen Höhenflügen an.

Der an Paul Bley und Bill Evans geschulte Bassist amtierte einst selbst an den Tasten, ehe er 1956 in die Tieffrequenzabteilung wechselte. So geht es abwechslungsreich - einmal sanft, dann mit dramatischen Akzenten - dahin, während Joey Baron am Schlagzeug unaufgeregt den nötigen Support liefert. Ein ästhetischer Glücksfall.

Gerhard Strejcek

***



Mit vollständigem Namen heißt er Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen, und auch anlässlich des neuen Albums "Das Licht dieser Welt" (PIAS/Rough Trade) ist im Edel-Weingut Baron Knyphausen wieder eine "Gisbert Special Edition" abgefüllt worden. Ob der Tropfen so gut geworden ist wie das dritte Album des Sprösslings, ist hier nicht zu entscheiden. Wichtig ist: Der Ober-Melancholiker Gisbert zu Knyphausen hat endlich wieder neue Songs vorgelegt. Nach dem Tod des Freundes Nils Koppruch, mit dem zusammen er als Kid Kopphausen firmierte, war er in eine Krise geraten. Die zwölf neuen Songs sind eine Art Wiedergeburt: großartige Texte, die tief ins Innere der Seele horchen, und eine ungewohnte musikalische Opulenz. Bei "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall" erklingt noch einmal, ganz von fern, die Stimme von Nils Koppruch. Abzüge gibt es allein für die beiden englischsprachigen Songs.Andreas Wirthensohn




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-22 15:56:12
Letzte Änderung am 2017-12-22 16:27:32



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