• vom 21.10.2005, 18:24 Uhr

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Update: 21.10.2005, 18:35 Uhr

Pop-CD

Element Of Crime: Mittelpunkt der Welt




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Weil "Damals Hinterm Mond" eine derartige Zäsur für EOC bedeutete, wird sie heute gerne ein wenig übermystifiziert. Ein zusätzlicher, nur unterschwelig ins Bewusstsein dringender Grund mag sein, dass die Platte mit den zwei stärksten Titeln, dem mit Herzschlagpochen und verweht von ferne aufheulender Mundharmonika unheimlich anmutenden "Vier Stunden vor Elbe" und dem von melancholischen Bläsern getragenen Instrumental "Carla" ausklingt: Als würde eine etwas geisterhafte Schifffahrt (vielleicht mit Procol Harum´s "Salty Dog" durch Echo & The Bunnymen´s "Ocean Rain") mit einem Begräbnis in New Orleans enden, so mutet dieses Finale an.

Über weite Strecken aber ist den Akteuren noch unsicheres Abtasten anzumerken; der vielfach vorherrschende Funk-Rhythmus wirkt etwas gequält aufgesetzt, und Regener gibt der Stimme des Öfteren unnötig viel Druck.

"Damals Hinterm Mond" verkaufte auch, anders als man gemeinhin annimmt, noch nicht signifikant mehr als die englischsprachigen Alben davor - das tat erst der Nachfolger "Weißes Papier". Ab da kamen allerdings die Dinge ins Fließen. Sehr unauffällig sind Element Of Crime nicht nur immer erfolgreicher, sondern auch immer besser geworden.

Ihre Longplayer sind klassische Sleeper, die sich selbstbewußt ihre Zeit nehmen. Sie scheinen oft anfangs gar nicht so viel herzugeben; das aktuelle Werk "Mittelpunkt der Welt" etwa wirkt aufs erste Anhören fast ein wenig langweilig. Etwas weniger luxuriös arrangiert, als es "Romantik" und davor schon "Psycho" oder auch "An einem Sonntag im April" waren, verhält es sich trotzdem alsbald wie ein alter Freund. Jakob Ilja demonstriert neue Nuancen seiner Kunst, mit seiner Gitarre melodiöse Akzente zu setzen, um Regener in aller Gelassenheit und Beiläufigkeit erzählen zu lassen. Eines war EOC-Musik nie und ist die "Mittelpunkt der Welt" am allerwenigsten: Pathetisch. Auch Regeners zweites Trademark, die Trompete, hier sparsamer eingesetzt als gewohnt, hält mit kühlem Unterton Distanz zum Schlachtfeld der "großen Gefühle".

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass EOC aus der Stadt kommen, die sich zu Blütezeiten der New Economy gerne tatsächlich als das begriff, was den Titel des neuen Albums ausmacht: Berlin als Mittelpunkt der Welt. Doch der ist bei Regener etwas aus der Bahn geraten, ist bebaut mit kaputten Fassaden und desolaten Hinterhöfen, befahren von Straßenbahnen, in denen sich Verlierer und Spinner auf die Füße steigen, beseelt von Paranoia und Neurosen. Keinen Augenblick lang erhebt sich Regener obergescheit über diesen Kosmos, den keine Markt-Slogans mehr erreichen und der selbst für pittoreske Kaputtnik-Idylle nichts hergibt: "Ich bin der Wischmop für die Tränen und der alte Hund der für dich beißt und bellt / Wo deine Füße stehen ist der Mittelpunkt der Welt."

Auftritte im Jahr 2006: 5. 3. Salzburg, Rockhouse; 6. 3. Wien, Planet Music; 7. 3. Linz, Posthof.

Element Of Crime: Mittelpunkt der Welt (Polydor/Universal).

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Dokument erstellt am 2005-10-21 18:24:36
Letzte Änderung am 2005-10-21 18:35:00



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