• vom 01.01.2019, 16:12 Uhr

Klassik/Oper

Update: 01.01.2019, 18:26 Uhr

Neujahrskonzert

Thielemann lässt spielen und genießt die Aussicht




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Von Judith Belfkih

  • Der deutsche Kapellmeister hält sich bei seinem ersten Neujahrskonzert zurück. 2020 dirigiert Andris Nelsons.


© APA/HERBERT NEUBAUER © APA/HERBERT NEUBAUER

Wenn es eine Symbiose aus militärischer Straffheit und absoluter Perfektion gibt mit der schwebenden Leichtigkeit der durch Ballsäle gleitenden Walzerseligkeit, so hieße sie wohl: Marschseligkeit. Dass eben jene keinen kriegerischen Gestus hat, zeigte Christian Thielemann am Pult der Wiener Philharmoniker bei seinem ersten Neujahrskonzert-Dirigat. In Carl Michael Ziehrers "Freiherr von Schönfeld-Marsch" gelang dem deutschen Kapellmeister diese Verschmelzung jedenfalls exemplarisch. Auch der erste Walzer ließ aufhorchen: Mit Josef Strauß’ "Transactionen" erinnerten die Philharmoniker nicht nur daran, dass sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Österreich und Japan heuer zum 150. Mal jährt, sie ließen sich von ihrem Dirigenten auch zu beeindruckend substanzieller Zartheit inspirieren. Thielemann zeigte sich als feinfühliger Charakter-Dirigent, lotete feine Abgründe aus und führte vor, dass die schöne Oberfläche dieser Musiken so robust nicht ist, ja sogar gehörig zu knistern versteht. Auch das Charakterstück "Elfenreigen" von Josef Hellmesberger jun. bestach als flirrende musikalische Miniatur, die eine feine Brise Zaubersalz mit Noblesse würzte.

Ein vielversprechender Auftakt eines Debüts also, über das bereits viele Jahre spekuliert worden war. Ein Auftakt, bei dem Thielemann aber auch schon zeigte, was sein zentrales Gestaltungsmittel sein würde: das Vertrauen darauf, dass die Wiener auch ganz gut ohne Dirigenten auskommen. Auf dieser Erkenntnis aufbauend lehnte er sich vor allem bei den schnellen Polka-Stücken beim Dirigieren entspannt zurück, ließ die Musikerinnen und Musiker aufspielen und genoss die herausragende musikalische Aussicht. Dass er es sich in dieser Pose etwas zu sehr gemütlich machte, war dem weiteren Verlauf des Konzertes nicht nur zuträglich. Die anfängliche Spannung und der präzise Gestaltungswille nahmen deutlich ab.

Information

Neujahrskonzert

Christian Thielemann (Dirigat)

Wiener Philharmoniker

Musikverein

Glänzende Perfektion

Freilich: Johann Strauß Sohns Polka "Expreß" oder Eduard Strauß’ "Mit Extrapost" flogen mit beeindruckender Leichtigkeit durch den reich mit Blumen geschmückten Goldenen Musikvereinssaal. Die Ouvertüre zur Operette "Der Zigeunerbaron" war dramatisch moduliert, Eduard Strauß’ Polka française "Opern-Soirée" gemahnte an den immer noch strahlenden Glanz der vor 150 Jahren eröffneten Wiener Staatsoper. Und Josef Hellmesbergers "Entr’acte-Valse" versprühte kurzweiligen Liebreiz. Doch zwischen diesen punktuellen Glanzlichtern nahm die Dichte musikalischer Intensität deutlich und kontinuierlich ab. Zwar legitimierten die Philharmoniker Thielemanns Grundhypothese: Ihr Klang ist auch ohne starke gestalterische Eingriffe stilsicher, elegant und differenziert. An den charaktervollen und tiefschöpfenden Beginn konnten dennoch nicht anknüpfen. Insgesamt ein klangschönes, vielleicht in seiner Perfektion nicht besonders wienerisches und sehr gemächliches Neujahrskonzert.

Der traditionelle "Donauwalzer" strotzte allerdings vor Lebensfreude und beim "Radetzkymarsch" kehrte Thielemann dem Orchester gleich den Rücken zu, konzentrierte sich ganz aufs Publikum und versuchte, eben diesem die Unterschiede zwischen fein dosiertem und enthemmtem Mitklatschen näherzubringen.

Wenn 2019 wird wie sein Neujahrskonzert, wird es stark beginnen und dann eher gemütlich vor sich hin plätschern. Es wird trotz aller Gemütlichkeit meist wie im Flug vergehen und an entscheidenden Stellen immer wieder über genügend Bodenhaftung verfügen, um nicht einfach spurlos vorbeizurauschen.

Bejubelt würde dieses Debüt am Dienstagvormittag ausgiebig. Und 2020 steht den Wiener Philharmonikern auch gleich der nächste Neujahrskonzert-Debütant ins Haus: Es dirigiert der junge Lette Andris Nelsons.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-01 16:23:11
Letzte Änderung am 2019-01-01 18:26:00


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