• vom 18.06.2012, 15:35 Uhr

Klassik/Oper

Update: 19.06.2012, 15:52 Uhr

Don Carlo

Königs Bunkerstimmung




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Von Daniel Wagner

  • Letzte Staatsopernpremiere vor der Sommerpause: Starriege rettet "Don Carlo"

Verpfuschte Romanze: Ramon Vargas als Don Carlo und Krassimira Stoyanova als Elisabetta. - © APA/ROLAND SCHLAGER

Verpfuschte Romanze: Ramon Vargas als Don Carlo und Krassimira Stoyanova als Elisabetta. © APA/ROLAND SCHLAGER

Der Stoff, aus dem die Dramen sind. Don Karlos, Infant von Spanien, erhitzte schon zu Lebzeiten die Gemüter des europäischen Hochadels allgemein und seines Vaters Philipp II. speziell. Spätestens mit Friedrich Schillers Dramatisierung hielt die mystifizierte Historie von dem unglücklichen Thronfolger in der Kunstwelt Einzug. Auch Giuseppe Verdi schlug sich mit seinem musiktheatralischen Carlo(s) lange herum. Dabei kann alles so einfach sein: Als letzte Staatsopern-Premiere vor der Sommerpause präsentierte sich die vieraktige, italienische Version in neuem Gewand. Also wie immer kurz, nicht immer schlüssig, aber gut.

Verfehlte Regie
Natürlich ist die Geschichte reichlich verwirrend und nur bedingt positiv. Wie anders sollte man eine aus Staatsraison verpfuschte Liebesgeschichte bezeichnen?

Information

Oper

Don Carlo
Von Giuseppe Verdi
Franz Welser-Möst (Dirigent)
Daniele Abbado (Regie)
Wiener Staatsoper
Mit: René Pape, Ramón Vargas
Wh.: 19., 22., 26., 29. Juni


Ob die hoffnungsfrohe Dreiecksbeziehung durch Elisabeth von Valois, Carlo oder doch durch Zutun des eifersüchtigen Vaters und Gatten Filippo II. verhindert wurde? Diese und andere Fragen blieb die Inszenierung von Dirigentensohn Daniele Abbado dem Publikum schuldig. Stattdessen erging sich der Regisseur im Auf- und Abbau anthrazitgrauer Wände, die passend zum blutrünstigen Stoff den Charme eines Luftschutzbunkers versprühten. Hin und wieder sorgte das geschmackvolle Lichtkonzept von Alessandro Carletti für luzide Momente. Ein Hinterfragen oder Transformieren des hier so wichtigen spanischen Hofzeremoniells war in weiter Ferne.

Die Kostüme von Carla Teti erwiesen passend zum Gesamtbild ebenso wenig Schick - den einzigen Ausrutscher aus der Masse schwedischen Einheitslooks stellte Posas Robin-Hood-Kostüm dar.

Diese Bühne bot eindeutig zu wenig Szenerie, als dass sich das Premierenpublikum darüber hätte auslassen können. Dafür war der Abend im doppelten Sinn zu heiß. Wien jubelte bei knapp 30 Grad Tagestemperatur lieber den Darstellern zu. Und das zu Recht.

Mit René Pape stand abermals einer der gewichtigen spanischen Regenten der Theaterwelt auf der Bühne. Sein Monolog zu Beginn des dritten Aktes, dieser Kampf zwischen König und Mensch, wurde dramatischer Höhepunkt des Abends. Ihm zur Seite stand als gewohnt souveräner Rodrigo Simon Keenlyside. Der englische Tausendsassa erklärte sein lächerliches Kostüm zur normalsten Sache der Welt und so wurde Marquis Posa ein großer Kämpfer für die Freiheit Flanderns und Spaniens.

Der Titelantiheld des Abends, Ramón Vargas als Don Carlo, ging in der Rolle des leicht wahnsinnigen, zwischen Vaterlands- und Mutterliebe pendelnden Infanten auf. Vielleicht trug gerade die vorangegangene Indisponiertheit des Kammersängers (die Generalprobe musste noch abgesagt werden) das ihre bei zu seiner Verletzlichkeit auf der Bühne. Es wäre jedenfalls nicht Vargas gewesen, hätte er die Nerven bei der Monsterpartie weggeworfen. Bravo!

Mit Publikumsliebling Krassimira Stoyanova stand dieser souveränen Herrenrunde eine mehr als würdige Elisabetta zur Seite. Mit ihrem ausdrucksstarken, lyrisch-dramatischen Sopran legte sie ein überzeugendes Rollendebüt hin, das den Vergleich mit anderen großen Vorgängerinnen keinesfalls zu scheuen braucht. Und dem geradlinigen Alt von Luciana D’Intinos Eboli daneben wenig Möglichkeit zur Parole gab.

Unterstützt von liebgewonnenen Namen wie Ileana Tonca, Dan Paul Dumitrescu, Eric Halfvarson sowie einer reichlich unmotivierten Schar an Statisten und gut einstudierten Chorsängern wurde die Gewissheit deutlicher, dass eine Ansammlung an charismatischen Darstellern eine fehlende Personenregie wettmachen kann.

Ebenso wie das kraftvoll-energische Dirigat von Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst, das dem Staatsopernorchester wenig Verschnaufpausen ließ (intensive Bleche, überragendes Cellosolo!).

Bleibt zu hoffen, dass der Direktion auch in Zukunft viel Glück bei der "Don Carlo"-Besetzung beschieden bleibt.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-06-18 15:41:07
Letzte Änderung am 2012-06-19 15:52:59


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