• vom 12.12.2013, 17:33 Uhr

Klassik/Oper

Update: 12.12.2013, 17:33 Uhr

Lazarus

Tod vor dem Check-in




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Von Rainer Elstner

  • Das Theater an der Wien zeigt eine Schubert-Fantasie zu den letzten Dingen.

Auferstehung gecancelt: Kurt Streit (r.) beklemmt als Lazarus, Florian Boesch begeistert als Schubert-Sänger.

Auferstehung gecancelt: Kurt Streit (r.) beklemmt als Lazarus, Florian Boesch begeistert als Schubert-Sänger.© Monika Rittershaus/apa Auferstehung gecancelt: Kurt Streit (r.) beklemmt als Lazarus, Florian Boesch begeistert als Schubert-Sänger.© Monika Rittershaus/apa

"Und" - mit diesem Bindewort endet das Fragment von Franz Schuberts Oratorium "Lazarus". Die ins Leere führende Konjunktion steht auf der letzten Seite einer bis dorthin vollständig ausgeführten Partitur. Weitere Skizzen sind nicht vorhanden. Warum? Wir wissen es nicht. Genau an diesem Punkt, an dem die Arie der Martha abreißt, setzt Claus Guth an, die Geschichte des Lazarus fortzuspinnen.

Information

Musiktheater
Lazarus
Theater an der Wien (01/58885)
Wh.: 13., 16., 18., 20. und
23. Dezember


Der deutsche Regisseur inszeniert im Theater an der Wien bewusst keine der Opern von Schubert, die als dramaturgisch problematisch gelten, sondern die als "religiöses Drama" vertonte biblische Lazarus-Geschichte. Wie Lazarus von den Toten auferweckt wird, erzählt das vollständig erhaltene Libretto von August Hermann Niemeyer. Schubert hat Niemeyers Verse - ästhetisch wegweisend - in einen nur vom Aktschluss unterbrochenen Strom von Arien und Rezitativen gegossen. Dirigent Michael Boder lässt die Musik des ersten Aktes breit fließen, hätte die Wiener Symphoniker aber durchaus zu feingliedrigerem, sprechendem Spiel bewegen können.

Fiebertraum des Sterbenden
Zur "Lazarus"-Musik erzählt Guth eine Parallelgeschichte: Die Bühne zeigt den Schalterbereich eines Flughafens, Reisende halten sich auf der Suche nach ihrem Flugsteig verkrampft am Flugticket fest. Ein moderner Un-Ort des Transits wird zur Todesstätte: Lazarus - blaues Hemd, beiges Sakko - klemmt die Todesgewissheit in Form von Röntgenbildern unter seinen Arm und haucht sein Leben vor dem Check-in-Schalter aus. Das Bühnengeschehen erscheint als Fiebertraum des Sterbenden: Die Umstehenden verharren regungslos, wenn der Solist zur Arie anhebt; Lazarus murmelt die Worte seiner Schwestern Martha und Maria tonlos mit; und auch einen Doppelgänger gibt es: Paul Lorenger ist der tänzerische Gegenpart zu Tenor Kurt Streit.

Dieser erste Teil ist nicht nur musikalisch, sondern auch gesanglich prekär: Kurt Streit als Lazarus und Annette Dasch als Maria zeichnen zwar kontrastreiche Bühnenfiguren, phrasieren jedoch mit einer Härte, die ans Hölzerne grenzt. Akzente setzen die stimmlich aufblühende Sopranistin Cigdem Soyarslan als Jemina und die weiche Bögen spannende Stephanie Houtzeel als Martha. Ladislav Elgr gibt als Nathanael einen blassen, bigotten Geistlichen.

Gesang, der Schubert ganz gerecht wird, hört man erst im zweiten Akt: Florian Boesch weiß seine Erfahrungen als Liedsänger mit dramatischem Aplomb zu koppeln und gibt der Figur des Simon eine grüblerische Note. Seine in der biblischen Geschichte vorgezeichnete Bekehrung gibt es hier nicht, ebenso wenig die Auferstehung des Lazarus: Mit dem Abreißen von Schuberts Komposition mitten in der aufwühlenden Arie der Martha übernimmt der Regisseur das Ruder und lässt ansatzlos Charles Ives’ "The Unanswered Question" aus dem Orchestergraben klingen. Guth knüpft daran eine musikalische Assoziationskette, die über Schuberts "Nachthelle" zum "Sanctus" aus dessen Es-Dur-Messe führt. Guth setzt meditative Bilder zum Thema Trauer und Tod in die Ausstattung von Christian Schmidt, die Bernd Purkrabek in rasch wechselnde Lichtstimmungen taucht. Nicht nur das auf Rollen gleitende Klavier erinnert dabei an Christoph Marthalers radikalere Schubert-Fantasien.

Nur ein Kind sieht den Toten
Das alles macht dank der Musik von Ives und Schubert starken Eindruck. Guth setzt eine Schlusspointe, die zur Grundfrage des Abends zurückführt: Was wird von uns bleiben? Lazarus geistert unbemerkt zwischen den Bühnenfiguren herum - nur ein Kind kann ihn sehen. Großer Jubel für den sonor tönenden, in feinsten Nuancen musizierenden Schoenberg Chor und Florian Boesch.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-12-12 16:47:06
Letzte Änderung am 2013-12-12 17:33:44


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