• vom 10.03.2014, 15:24 Uhr

Klassik/Oper

Update: 10.03.2014, 15:38 Uhr

Oper

Wenn Papa nicht zahlen kann




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Von Joachim Lange


    Ein Bühnenessay-Musiktheater nach Jelinek. - © Arno Declair

    Ein Bühnenessay-Musiktheater nach Jelinek. © Arno Declair

    Im Berliner Schillertheater gab es zum Wagnerjahr noch eine Rheingold-Zugabe. Aber ohne "h" also "Rein Gold". Und von Elfriede Jelinek. In München schon als Text vorgestellt, kam es jetzt als Musiktheater inszeniert von Nicolas Stemann auf die Bühne. Der ist einer ihrer Uraufführungsregisseure und weiß, wie man aus den selbstreferenziell spracherforschenden Endlosmonologen bühnentaugliche Veranstaltungen macht.

    Information

    Oper
    Rein Gold
    Staatsoper Schillertheater Berlin


    Diesmal hat er zusätzlich Richard Wagners Ring-Musik auf seiner Seite und mit dem Bremer GMD Markus Poschner auch einen experimentierfreudigen Dirigenten am Pult der Staatskapelle. Die demonstriert souverän, dass sie noch im Ringmodus läuft. Was notfalls auch so eine Art Rückwärtsgang einschließt und von David Robert Coleman Dazukomponiertes gekonnt integriert.

    Stemann profitiert davon, dass die Wagnersche Leitmotivik und der Jelineksound nach einem ähnlichen Strickmuster verfertigt sind. Alles ist ein Vater-Tochter Gespräch zwischen Wotan und Brünnhilde. Als Tochter-Revolte, versteht sich. Der Göttervater (Jürgen Linn) bleibt stimmgewaltig bei Wagners gesungenen O-Tönen. Deren Part ist zwischen den Schauspielern Philipp Hauß, Katharina Lorenz und Sebastian Rudolph aufgeteilt. Der Text glänzt, wo dem eher untergründig wabernden Subtext-Witz das souveräne und vorwitzige Spiel mit der Struktur des Rings entgegengesetzt wird. Wotans Abschied und Brünnhildes Schlussgesang als Dialog - das hat was.

    Zwischenapplaus gibt es, wenn die stimmgewaltige Rebecca Teem als singendes Wotanskind nach dem "Heil dir Sonne" einen veritablen Versuch startet, um Siegfried zu verführen. Philipp Hauß kommt dabei erst ins Stottern und wirft sich dann todesmutig und grandios scheiternd in den Gesangspart Siegfrieds. Viel besser sind da natürlich die in Funkelrobe und mit Spielwitz immer wieder ans Rein Gold mit "h" erinnernden Rheintöchter Narine Yeghiyan (Woglinde), Katharina Kammerloher (Wellgunde) und Annika Schlicht (Flosshilde).

    Die Jelinek destilliert natürlich aus Wagners Weltessay ihre Geld-, Kapitalismus- und Entfremdungskritik wortreich heraus. Das funktioniert vor allem als Spekulantenschelte. Wenn am Ende Wotan im Wohnwagen anrollt, ein Pink Panther auftaucht und Leichen aus dem Schnürboden stürzen und wir plötzlich mitten in den Bildern, die der NSU dem Gegenwartsdiskurs geliefert hat, dann ist das vielleicht etwas überstrapaziert, hat aber Fallhöhe.

    Unterm Strich kommt raus, dass die Gattungsbezeichnung Bühnenessay-Musiktheater ganz gut trifft. Mit all den Abschweifungen, Brüchen, (etwas überstrapazierten) leitmotivischen Wiederholungsschleifen und Collagen geht der Abend als eigenwillige Annäherung durch. Wenn das Orchester auf der Bühne zu einem anschwellenden Crescendo nach vorne fährt, wird es selbst nicht nur zum eindrucksvollen Klang-, sondern auch zum Bilderproduzenten.

    Am Ende bricht Poschner einfach ab, der verhalten optimistische Ring-Schluss kommt nur vom Band. Kein Widerspruch aus dem Saal, sondern einhelliger Beifall.




    Schlagwörter

    Oper, Rein Gold, Elfriede Jelinek

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2014-03-10 15:29:04
    Letzte Änderung am 2014-03-10 15:38:40



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