• vom 01.04.2015, 15:37 Uhr

Klassik/Oper

Update: 01.04.2015, 15:54 Uhr

Verdi

Befreit und in der obersten Himmelssphäre




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Von Reinhard Kriechbaum

  • Salzburger Osterfestspiele: Im siebten Himmel mit Verdis Requiem unter Christian Thielemann.

Christian Thielemann bei einer Probe in Salzburg.

Christian Thielemann bei einer Probe in Salzburg.© apa/Gindl Christian Thielemann bei einer Probe in Salzburg.© apa/Gindl

Man hätte sich - würde nicht ein Handy gerade in eine der leisesten Stellen des "Dies irae" hineingebimmelt haben - mit diesem Verdi-Requiem im siebenten Himmel fühlen können. Aber wahrscheinlich ist es heutzutage ja so, dass auch die obersten Himmelssphären nicht mehr mobiltelefonfreie Zonen sind. Das handverlesene Solistenquartett machte die Aufführung unter Christian Thielemann bei den Osterfestspielen in Salzburg am Dienstag zu einem singulären Erlebnis: Die feinen hohen Töne der Liudmyla Monastyrska wirken, als ob sie an seidenen Fäden quasi vom Plafond baumeln. Auch das "Libera me Domine" orgelt sie nicht, sondern trägt es wie eine verhaltene Bitte vor. Zuletzt fast nur intensiv flüsternd.

Geradezu sensationell, wie ihre Stimme mit jener der georgischen Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili verschmolzen ist. Das Duett der beiden Frauenstimmen im Agnus Dei, verbunden mit dem Corps der Flöten der Staatskapelle Dresden: Das war einer jener (vielen) Momente dieser Aufführung, in der Christian Thielemann ein exemplarisch ausgehorchtes Miteinander von Singen und Spielen verwirklicht hat. Thielemann liest nämlich, mit durchaus überraschenden Ergebnissen, aus Verdis Partitur ganz viel vokal/instrumentale Kammermusik heraus.


Kaufmann nicht der Star
Das Solisten-Quartett fußte auf der mit der nötigen Bass-Schwärze ausgestatteten, aber geschmeidigen und fokussierten Stimme von Ildar Abdrazakov. Jonas Kaufmann hat seinen Tenor strahlen lassen und sich maximal zurückgenommen. Er war nicht der Star im Quartett. Der beispielhaft klar deklamierende Chor des Bayerischen Rundfunks war in differenzierten mittleren Lautstärkewerten gefordert.

Ob er etwas Vertiefendes zur Kombination Tschaikowsky und Schostakowitsch sagen könne, wurde Christian Thielemann dieser Tage bei einer Pressekonferenz gefragt. Thielemann trocken zum neben ihm sitzenden Orchestervorstand der Sächsischen Staatskapelle: "Was haben wir uns eigentlich dabei gedacht?" Egal: Dmitri Schostakowitschs "Zehnte" spricht ohnedies ganz für sich. Damals 1953 lag Stalin auf der Totenbahre, und Schostakowitsch machte sich flugs ans Komponieren. Die Bilanz düsterer Jahre der Repression, das ist im Prinzip das Programm der Symphonie e-Moll op. 93. Ein Befreiungsschlag. In diesem ersten Konzert der Osterfestspiele stand Daniele Gatti am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die gerade in diesem Werk ein schönes Bild ihres unverwechselbaren Klanges abgeben durfte. Vom Timbre der Klarinetten, von den tieferen Streichern bekam man in der üppigen Melancholie des Kopfsatzes klangsinnliche Impressionen. Mit intensivem Atem wusste Daniele Gatti gerade diesen eröffnenden Symphoniesatz zu erfüllen, der ja ein ganz anderes Kaliber ist als das folgende Scherzo, das angeblich ein satirisches Bild auf den Diktator zeichnet.

Bemerkenswerterweise kamen in dieser Groteske viele leise (oder richtiger: halblaute) Farben zum Tragen, und das gilt für Daniele Gattis Gesamtsicht auf dieses Werk. Auf die quasi übervorsichtigen, verhaltenen Tanzschritte setzte Gatti insbesondere. Und Dmitri tanzt...? In drei Sätzen tut er’s zurückhaltend und doch nicht ungestraft - und im vierten dann auch zuerst nicht mit entfesselter Kraft, sondern erst nach und nach Mut fassend. Deuten wir mal so diese Intensiv-Stunde durchaus effektbewusster Musik-Erzählung.

Im ersten Teil des Abends hat man Arcadi Volodos als Solisten in Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert gehört: Brüche, über die in diesem Konzert gerne jovial drübergespielt wird, wurden deutlich markiert. Jede Generalpause noch ein wenig länger: Das hat so manche Zuhörer deutlich nervös gemacht. Arcadi Volodos ist immer gut für dynamische Überraschungen.




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Dokument erstellt am 2015-04-01 15:41:05
Letzte nderung am 2015-04-01 15:54:51



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