• vom 09.05.2015, 00:30 Uhr

Klassik/Oper


Dirigentenporträt

Celibidaches Erbe




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Von Von Katharina Wappel

  • Dirigentenporträt
  • Der französische Dirigent Rémy Ballot spürt den Intentionen des österreichischen Komponisten Anton Bruckner nach

Die Reaktionen auf die Aufführung von Bruckners achten Symphonie im Sommer 2014 waren enorm: "Da standen die Türen zum Paradies plötzlich sperrangelweit offen", die Aufführung habe "Unglaubliches möglich gemacht", sie war ein "Augenblick, für den es sich zu sterben lohnt" und die Intensität des Konzerts, so heißt es, "grenzt an ein Wunder". Der "Konzertsaal", in dem dieses erinnerungswürdige Konzert stattgefunden hat, war das Stift St. Florian, gespielt hat das OÖ Jugendsinfonieorchester. Doch wer ist der Mann, der dabei ist, zu einem der bedeutendsten Bruckner-Dirigenten zu werden?

Um es einmal leicht klischeebeladen zu formulieren: Er ist vor allem Franzose. Nicht nur, dass da innerhalb eines Abends beachtliche Mengen an Wein fließen, aber da ist auch die grundsätzliche Offenheit für gutes Essen, die Liebe zu Balzac, ein bisschen Stolz und der alles einnehmende Blick für Qualität - auch in Bereichen, die über die ureigene Disziplin hinausgehen. Ein suchender Blick, der Neues hervorzubringen und zu entdecken imstande ist. Das Neue, das sind in seinem Fall die Bruckner’schen Symphonien. Denn eines ist klar: Wer meint, Bruckner nicht zu mögen, hat ihn noch nicht unter Rémy Ballot gehört. Franzose also im positivsten aller Sinne.


Als Rémy Ballot mit Geige und Taktstock im Gepäck nach Wien kam, wusste er noch nicht, dass er den Durchbruch vor allem als Dirigent schaffen sollte. Inzwischen, zehn Jahre später, hat sich sein Name in Bruckner-Fachkreisen längst herumgesprochen. Denn bei den Konzerten des 37-Jährigen, so sagt man, entstehe etwas Mystisches. Etwas, das über den reinen Genuss von Orchestermusik hinausgeht, das man mit Worten kaum fassen könne. Reihenweise würden die Menschen bei seinen Konzerten in Tränen ausbrechen vor überwältigter Rührung und sogar der ein oder andere Schwächeanfall im Publikum soll bereits dokumentiert sein. Wie so etwas möglich ist? Durch harte Arbeit und viel Geduld. Jahrelange Vorbereitung und intime Kenntnis des Werks stehen vor seinen Auftritten.

Seit 2011 dirigiert Ballot jährlich eine Bruckner Symphonie bei den Brucknertagen in St. Florian, mit einem Programm aus Wagner, Beethoven und Tschaikowski war er außerdem kürzlich auf Tournee in Spanien. Als CD sind bereits die Aufnahmen des Konzerts der dritten (in der Urfassung) und der achten Brucknerschen Symphonie bei Gramola erschienen und haben am internationalen Musikmarkt eingeschlagen wie eine Bombe. Das führende französische Musikmagazin Diapason lobte die dritte Symphonie hymnisch und Ballot selbst als "Dirigenten, den man unbedingt kennen muss", das amerikanische Magazin Stereophile kürte die Aufnahme der Achten gar zur CD des Monats Mai 2015 - auch ein Zeichen für die audiophile Qualität der Aufnahme. Selbstverständlich, meint Ballot beschwichtigend, seien die Konzerte im Stift St. Florian vor allem wegen der Örtlichkeit auch ganz etwas Besonderes. Neben dem Wissen um die Tatsache, dass Bruckner selbst vor Ort gewirkt hat und in der Krypta direkt darunter begraben liegt, ermöglicht vor allem auch die Architektur eine ganz andere Akustik, und damit auch andere Tempi als ein herkömmlicher Konzertsaal. Das, so Ballot, sei einer der wichtigsten Ratschläge, die sein Lehrer Sergiu Celibidache ihm mitgegeben hat: Die Architektur als Musik gestaltendes Element miteinzubeziehen. Ändern sich die Räumlichkeiten, muss sich auch die Spielart der Musik ändern. Denn man empfindet das Tempo unabhängig von der Metronomzahl oder der realen Spieldauer. Je größer der Saal, desto langsamer das Tempo, aber auch: je komplexer ein Werk, desto langsamer das Tempo, ohne dass dieses als langatmig wahrgenommen wird.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-05-07 15:47:03
Letzte Änderung am 2015-05-07 16:05:09


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