• vom 30.06.2015, 13:00 Uhr

Klassik/Oper

Update: 30.06.2015, 13:00 Uhr

Nicolai Gedda

Der polyglotte Tenor aus dem hohen Norden




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Von Edwin Baumgartner

  • Der schwedische Sänger Nicolai Gedda feiert am 11. Juli seinen 90. Geburtstag - er ist eine lebende Legende des Opern- und Konzertbetriebs.

Nicolai Gedda bei einer Musikprobe 1987.

Nicolai Gedda bei einer Musikprobe 1987.© Foto: Wikipedia Nicolai Gedda bei einer Musikprobe 1987.© Foto: Wikipedia

Unlängst, am 18. Mai, betretenes Schweigen: Nikolai Gedda gestorben. Die Meldung verbreitete sich im Internet mit der rasenden, unkontrollierten und unkontrollierbaren Eile. Wie viel Platz ist für den Nachruf? Ein Aufmacher - selbstverständlich, immerhin einer der wichtigsten Sänger der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Star. Ein Star? - Wirklich? Dann die Entwarnung. Der schwedische Sänger lebt und ist wohlauf. Typischer Fall von Fehlmeldung. Erleichtertes Aufatmen.

Aber im Hinterkopf bohrt die Frage: Warum, um alles in der Welt, hätte ich für diesen Sänger nicht den Begriff "Star" verwendet? Immerhin: Gedda füllte die Häuser. Keiner hatte eine dermaßen leichte Höhe. Das hohe D in der berühmten Tenorarie von Adolphe Adams "Postillon von Lonjumeau" - für Gedda war das ebenso wenig ein Problem wie das hohe C am Ende des ersten Aktes von Hans Pfitzners "Palestrina", das auf den für hohe Töne höchst lästigen Vokal "i" zu singen ist: "zum Frieden".


Gedda wird am 11. Juli 1925 in Stockholm als Harry Gustaf Nikolaj Ustinov geboren. Seine Mutter ist Schwedin, sein Vater zur Hälfte Russe. Nikolai wächst bei seiner Tante Olga Gädda und seinem Stiefvater Michail Ustivov, einem Bassisten und Kantor der russisch-orthodoxen Kirche (und übrigens ein Verwandter des Schauspielers Peter Ustinov) zweisprachig schwedisch-russisch auf. 1929 bis 1934 lebt die Familie in Leipzig - da kommt Deutsch als dritte Sprache dazu. Nicht die letzte Sprache, die Gedda lernt. Letzten Endes spricht er dann akzentfrei Schwedisch, Russisch, Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch.

Information

Legendärer Nicolai Gedda
zum 90. Geburtstag des Tenors.
"Apropos Musik" (5. Juli, 15.05 Uhr), Teil 1/3. "Apropos Musik" (7. Juli, 15.05 Uhr), Teil 2/3. "Stimmen hören" (9. Juli, 19.30 Uhr), Teil 3/3.
Radio Ö1


Eine fast beispiellose Karriere
Nach seinem Gesangsstudium gehört Gedda zum Ensemble der Königlich Schwedischen Nationaloper und gilt als begnadeter Mozart-Tenor. Walter Legge, der Klassik-Produzent der EMI, preist ihn in höchsten Tönen. Ob es Legge ist, der Herbert von Karajan auf ihn aufmerksam macht? Jedenfalls ist Karajan nach einer Audition in Stockholm begeistert - und engagiert Gedda an sein Haus, die Mailänder Scala. Damit beginnt die Weltkarriere.

Seine polyglotte Sprachbeherrschung eröffnet ihm ein riesiges Repertoire mit mehr als 50 Rollen, auch solche in zeitgenössischen Werken, etwa in Samuel Barbers "Vanessa" oder in Gian Carlo Menottis "The Last Savage". Er kann sich den Luxus leisten, nur in Sprachen zu singen, die er spricht. Vor allem steht Gedda für die Wiederbelebung von Opern der Frühromantik, von denen er viele auf Schallplatten aufnimmt - überhaupt ist Gedda bis heute der Sänger mit den meisten Aufnahmen.

Gedda lernte leicht und drang schnell in die Tiefe eines Werks ein. Tatsächlich war er ein klug disponierender Künstler: Ein Engagement als Lohengrin nach Bayreuth etwa sagte er ab. Wagner war seine Welt nicht. Mit seiner leuchtenden, unfassbar elegant geführten Stimme war er auch ein begehrter Operettentenor - und stattete diese Rollen mit größter Noblesse aus.

Doch alles, was mit Starruhm zu tun hat, mit Glanz und Glamour, Allüren und Egozentrik, war ihm zuwider. Er stellte das Werk, nicht sich in den Mittelpunkt. Gedda ist nie zum Star geworden. Eine - glücklicherweise lebende - Legende ist er indessen schon.




Schlagwörter

Nicolai Gedda, Programmpunkte

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2015-06-30 12:47:06
Letzte Änderung am 2015-06-30 13:00:28


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