• vom 01.01.2016, 16:21 Uhr

Klassik/Oper


Beethoven

Beethoven ist rot




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  • Keine andere Klassikgröße genießt in China ein so hohes Ansehen wie Ludwig van Beethoven.

Chinesische Beethoven-Briefmarken: Ein neues Buch zeichnet nach, wie ausgerechnet ein Komponist aus dem Westen im Reich der Mitte zur Ikone werden konnte. - © ap/Zhu Zihan

Chinesische Beethoven-Briefmarken: Ein neues Buch zeichnet nach, wie ausgerechnet ein Komponist aus dem Westen im Reich der Mitte zur Ikone werden konnte. © ap/Zhu Zihan

Peking. (red) "Ich habe als Kind erlebt, wie die Roten Garden während der Kulturrevolution in die Häuser von Musikern und Musikliebhabern eindrangen und alle Instrumente, Schallplatten und Noten zerstörten. Wenn du westliche Tänze mochtest, warst du in ihren Augen bourgeois, wenn du Klassik mochtest, warst bourgeois - und wenn du Beethoven mochtest, warst du darüber hinaus noch gefährlich." Wenn Cai Jindong an die Zeit in China zwischen 1966 und 1976 zurückdenkt, muss er den Kopf schütteln. Der 59-Jährige ist gefeierter Dirigent und Professor an der Stanford University - und wie viele seiner Landsleute ein glühender Verehrer Beethovens.

Vor einigen Wochen hat er ein Buch über sein Idol veröffentlicht: "Beethoven in China: Wie ein westlicher Komponist eine Ikone der Volksrepublik wurde." Er beschreibt darin den enormen Einfluss, den der Deutsche in China ausübt - keine andere Klassikgröße, kein Mozart, kein Haydn reicht bis heute an ihn heran.


Cai selbst hatte seine erste Begegnung mit Beethoven ebenfalls während der Kulturrevolution, jene von Staatsgründer Mao Zedong angezettelte Kampagne, welche die Umwälzung politischer, gesellschaftlicher und kultureller Werte zum Ziel hatte: "Ein Freund flüsterte mir 1969 geheimnisvoll ins Ohr, dass er zu Hause etwas habe, und dort stand dann ein Schallplattenspieler, den man mit der Hand bedienen und dessen Nadel man ständig wechseln musste. Er hatte eine Victor-Platte aus Japan dabei, es war Beethovens Vierte - und ich konnte es nicht fassen. Nie zuvor hatte ich so mächtige und komplexe Musik gehört; chinesische Musik ist ja mit ihren eintönigen Melodien vergleichsweise simpel." Dabei war Beethoven damals längst kein Unbekannter im Reich der Mitte.

1907 schrieb Li Shutong einen ersten Essay über den 1827 verstorbenen Giganten, ohne jemals eine Note von ihm gehört zu haben. Der Schriftsteller bewunderte jedoch dessen Kampfgeist und dachte, diesen würde auch China brauchen, wo die Monarchie in ihren letzten, unruhigen Atemzügen lag. Vier Jahre später erklangen die Töne des Meisters erstmals in Shanghai - gespielt jedoch von Ausländern für Ausländer, Chinesen blieb der Zugang zu Konzerten in der Metropole bis 1925 verwehrt. Es blieb dem später berühmt gewordenen Komponisten Xiao Youmei vorbehalten, 1922 in Peking erstmals die "Pastorale" aufzuführen, zwar nur mit 15 Musikern, doch die reichten aus, um den Keim für eine Beethoven-Begeisterung zu säen, die bis heute anhält.

Immer wieder sollte Beethovens Musik in Folge zum Soundtrack für teils dramatische, politische Ereignisse werden. Als der "Vater des modernen Chinas", Revolutionsführer Sun Yat-sen 1925 verstarb, spielte eine Kapelle die Kantate auf den Tod von Kaiser Joseph II. Und als 1949 der Bürgerkrieg mit dem Sieg von Mao Zedongs Kommunisten zu Ende ging, wurde im Radio eine Aufführung der 9. Symphonie übertragen. Aus Personalmangel mussten zwei Orchester zusammengelegt werden, das Durchschnittsalter der Musiker lag bei 24 Jahren. Mao selbst war Beethoven zu diesem Zeitpunkt durchaus nicht abgeneigt, im Gegenteil. Er und sein Premier Zhou Enlai hörten den Maestro auch noch, als längst die Kulturrevolution wütete. Zum Missfallen von Maos Frau Jiang Qing und ihrer radikalen "Viererbande". Sie bekämpfte die "fatalistische, revisionistische Volksvergiftung" in öffentlichen Kritikwellen vehement - was regelmäßig zum Problem wurde, wenn ausländische Staatsgäste zu Besuch kamen.

Als Henry Kissinger 1971 erstmals China besuchte, gab es hitzige Debatten darüber, welche Musik man zu seinem Empfang spielen solle. Dirigent Li Delun schlug zunächst die fünfte Symphonie vor, die jedoch abgelehnt wurde, da Schicksal in der kommunistischen Weltanschauung keine Rolle spielen dürfe. Die "Eroica" schied ebenfalls aus, immerhin war sie ursprünglich dem "imperialistischen" Napoleon gewidmet. Man einigte sich schließlich auf die Sechste, die sich politisch unverfänglich dem Leben auf dem Lande widmet. Von ebendort mussten für das Konzert schleunigst Musiker nach Peking gekarrt werden, die zuvor als vermeintliche Intellektuelle zur Feldarbeit aufs Land verbannt worden waren. Kissinger vermerkte anschließend in seinen Notizen, es habe sich um die schlechteste Beethoven-Aufführung gehandelt, die er je gehört hätte.

Nach dem Tod Maos wurde Beethoven rasch rehabilitiert, und die Begeisterung für das Genie fand ihren vorläufigen Höhepunkt 1979 mit einem Besuch der Berliner Philharmoniker. Es war eine Staatsaktion voller Pleiten, Pech und Pannen, die für Herbert von Karajan zu einem persönlichen Desaster wurde. Der Technikfetischist bestand darauf, an Bord des ersten Großflugzeuges in Peking einzuschweben. Dort hatte man jedoch keine geeignete Gangway, eine provisorische Treppe sackte weg, zwei Musiker stürzten in die Tiefe und mussten mit Knochenbrüchen ins Krankenhaus.

Viel schlimmer für den Maestro war jedoch die Konzertstätte selbst: eine heruntergekommene Sporthalle mit einer miserablen Akustik. Karajan tobte wie ein Tiger, als die bei der Generalprobe anwesenden Würdenträger fröhlich schwatzten, ihr Picknick aßen und mit dem einen oder anderen Schnäpschen auf das historische Ereignis anstießen. Die Vorführungen der Symphonien Nr. 4 und Nr. 7 wurden schließlich dennoch zum Triumph, von denen die Chinesen bis heute schwärmen. Auch die, die gar nicht dabei waren.

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Beethoven, China

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Dokument erstellt am 2016-01-01 16:26:05


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