• vom 05.04.2016, 14:32 Uhr

Klassik/Oper

Update: 06.04.2016, 13:36 Uhr

Leos Janacek

Karrierebeginn mit einem Alterswerk




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Von Edwin Baumgartner

  • Der mährische Komponist Leos Janacek ist 50 Jahre alt, als er mit seiner Oper "Jenufa" erstmals in seinem Leben alle Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

Bruckner, Orff und Janacek - das sind die Komponisten, die ihre Karrieren mit Werken begonnen haben, die man in anderen Fällen als "Alterswerke" bezeichnen würde. 42 Jahre alt ist Anton Bruckner, als er seine Erste Symphonie schreibt - was davor liegt, hat mit der Musik, die er nun zu komponiert, wenig zu tun, allenfalls in der zwei Jahre zuvorgeschriebenen Messe in d-Moll hatte sich das zaghaft angekündigt. Ebenfalls 42 Jahre alt ist Carl Orff, als er sein teilweise stilistisch bereits eindeutig seiner Persönlichkeit zuordenbares Oeuvre verwirft und seine "Carmina burana" komponiert. Der seltsamste Fall aber ist der Leos Janaceks.

Dorothea Röschmann singt an der Wiener Staatsoper die Rolle der Jenufa.

Dorothea Röschmann singt an der Wiener Staatsoper die Rolle der Jenufa.© Foto: Jim Rakete Dorothea Röschmann singt an der Wiener Staatsoper die Rolle der Jenufa.© Foto: Jim Rakete

50 Jahre ist der mährische Komponist alt, als er in Brünn 1904 "Jeji pastorkyna" zur Uraufführung bringt, jene Oper, die wir heute als "Jenufa" kennen. Während Bruckner vor der Ersten Symphonie gute, aber uncharakteristische Musik komponierte und Orff vor den "Carmina burana" zwar charakteristische Musik, diese aber auf ein paar kurze Chorwerke beschränkte, sind Janaceks Werke vor "Jenufa" in jeder Hinsicht schwach: Wenig geglückte Dvorak-Imitationen mit verkrampfter Melodik und einer Rhythmik, die nicht von der Stelle kommt. Niemand würde aufgrund der "Lachischen Tänze", der Suite op.3 oder der Oper "Sarka" auf die Idee kommen, es mit einem der herausragenden Komponisten seiner Zeit zu tun zu haben.

Der Genius des Alters

Dann also "Jenufa": Es tut gut, dass Janacek das Vorspiel, so schön es ist, gestrichen hat, denn nun beginnt die Oper mit einem in tiefer Lage klappernden Xylophon, als drehe sich das Rad einer Wassermühle, dann setzen die Kurzmotive ein, sie drängen, kreisen, wiederholen sich, andere Motive lösen sie ab. Der Zuhörer spürt die kompositorische Logik eher instinktiv, als dass man sie aus der Partitur herausanalysieren könnte. Die steigende Spannung der Musik überträgt sich auf den Hörer, wenn verzweifelte Liebeshandlung gar einen Kindsmord notwendig zu machen scheint, im Geständnis der Mörderin kulminiert - doch die Musik nicht genug der Steigerung kennt, darüber hinausläuft und in einem Liebesduett von strahlender Zärtlichkeit endet, wie es in der gesamten Musikgeschichte ohne Beispiel ist. Wie Janacek die Musik aus den Volksmusik-Formeln entwickelt, ohne folkloristisch zu klingen, wohl aber idiomatisch tschechisch, nimmt voraus, was Bela Bartok knapp ein Jahrzehnt später für die ungarische Musik leisten wird.

Janaceks Musik mit ihren rhythmischen Triebkräften und ihrer aus knappen Formeln gewonnen Melodik war dermaßen ungewohnt und neuartig, dass der Komponist und Dirigent Karel Kovarovic für die Aufführung in Prag die Härten glättete und der Instrumentierung den Glanz einer Richard-Strauss-Partitur verlieh. In dieser Version trat das Werk seines Siegeszug an. Heute kehrt man in der Regel zu den Herbheiten der Originalversion zurück.

Doch die Seltsamkeiten des Leos Janacek enden nicht: Nach der seltsamen und zu Lebzeiten unaufgeführten Oper "Osud" (Schicksal) scheint er in Schweigen zu verfallen, ehe eine Liebesaffäre im Siebzigjährigen neue Schaffenskraft weckt: Fünf der originellsten und besten Opern des 20. Jahrhunderts sind das Resultat des späten kompositorischen Frühlings.

Leos Janacek: "Jenufa"

Samstag, 9. April, 19.30 Uhr auf Ö1.

Mit Dorothea Röschmann, Marian Talaba, Angela Denoke u.a. Chor und Orchester der Wiener Staatsoper; Dirigent: Ingo Metzmacher (aufgenommen am 6. April 2016 in der Wiener Staatsoper)





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-05 14:35:05
Letzte Änderung am 2016-04-06 13:36:51


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