• vom 14.09.2017, 15:59 Uhr

Klassik/Oper

Update: 14.09.2017, 17:11 Uhr

Konzertkritik

Klangritual vor Publikum




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Von Judith Belfkih

  • Teodor Currentzis eröffnete mit Vokalmusik seinen Konzerthaus-Zyklus.

Bejubelt wie ein Popstar: Teodor Currentzis

Bejubelt wie ein Popstar: Teodor Currentzis© Konzerthaus/Julia Wesely Bejubelt wie ein Popstar: Teodor Currentzis© Konzerthaus/Julia Wesely

Den Klang tragen sie bereits leise singend in den komplett verdunkelten Großen Saal herein - die Lichterprozession, die schwarzen Gewänder und der geschlossene Kreis, in dem sich die Sänger formieren, erinnern dabei mehr an ein mystisches Klangritual als ein klassisches Konzert. Dass Publikum im Saal sitzt, wirkt da eher wie eine erfreuliche Nebensache, nicht wie der Anlass. Als Oberpriester in ihrer Mitte steht wie ein Funkengeber und Klangstromlenker Teodor Currentzis. Und der versteht etwas von Inszenierung.

Mit seinem Ensemble MusicAeterna eröffnete er am Mittwoch einen Zyklus im Konzerthaus und stellte die Protagonisten ins Zentrum, die schon in Salzburg als der eigentliche Star gehandelt wurden: den Chor von MusicAeterna, dessen Präzision und Phrasierungsgeschick derzeit unübertroffen sind.

Information

Konzert
MusicAeterna
Teodor Currentzis (Dirigat)
Wiener Konzerthaus

Hildegard von Bingen, Henry Purcell, Alfred Schnittke, Igor Strawinski, György Ligeti, Arvo Pärt - Currentzis spannte im ersten Teil einen Bogen von gut neun Jahrhunderten, durchmaß die sakralen Vokalwerke jedoch mit einem einzigen Atemzug. Transzendenz, ein kristallines Klanggeflecht und ein lebendiger an- und abschwellender Klangstrom, in den sich je nach Komponist mehr oder weniger Reibungsflächen mischten, verbanden die Stücke in geschlossener Kunstfertigkeit.

Seine rastlose dringliche Interpretation von Mozarts "Requiem" brachte Currentzis nach der Pause nun auch nach Wien. Die radikalen Tempi und prägnanten Phrasierungen entfalteten auch im Großen Saal ihre Sog-Wirkung. Auch wenn diesmal die Präzision von Solisten und Orchester mitunter einbrach. Nur selten drängte sich der gestalterische Manierismus in den Vordergrund, gerieten Inszenierung und Effekt zum Selbstzweck. Solange die Qualität die Oberhand behält, soll der Klassik Schlimmeres passieren als ein wenig ritualisierte Leidenschaft und Lebendigkeit.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-14 17:03:08
Letzte Änderung am 2017-09-14 17:11:45


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