• vom 03.11.2017, 16:13 Uhr

Klassik/Oper


Konzertkritik

"Floß der Medusa" oder: Im Museum der Agitation




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    (draz) Raufereien, Polizei im Saal, ein Chor, der sich weigert, unter einer roten Fahne zu singen, ein Komponist, der vergebens sein Werk zu dirigieren versucht: Die Uraufführung von Hans Werner Henzes "Floß der Medusa" wurde 1968 von einer Woge politischer Emotion hinweggespült. Nun eröffnete das Festival "Wien Modern" mit dem einstigen Skandalstück - und signalisierte durch Mitwirkende wie die Wiener Sängerknaben, den Arnold Schoenberg Chor und prominente Solisten seinen Anspruch auf das Zentrum des Kulturbetriebs.

    Die Frontstellung zwischen engagierter Musik und Avantgarde hat sich abgekühlt. Mit der Geschichte des Floßes, auf dem 1816 150 Menschen dem Tod auf hoher See preisgegeben wurden, hatte sich Henze auf die Seite des Engagements gestellt. Dass er sich einer expressionischen Klangsprache bediente, wurde ihm von Fortschrittsjüngern als reaktionär angekreidet. Im Licht der Postmoderne erscheint dies weniger skandalös - ebenso wie sein Aufrufen der Gattung Oratorium mit ihrer halb sakralen, halb dramatischen Aura oder die vom RSO Wien unter Cornelius Meister farbig realisierte Klangwelt, die mal stampfend auf den Untergang zutaumelt, mal schwebend das Hinüberwechseln auf die Seite der Toten beschwört.


    Das Wiener Publikum spendete lebhaften Beifall - diesmal wurden ja auch keine Fahnen gehisst. Immerhin: Als der Ruf "Ho Ho Ho Chi Minh" hier nicht nur durch die Perkussion angedeutet, sondern auch vom Chor mit erhobenen Fäusten skandiert wurde, wehte ein Hauch von Agitation durchs Konzerthaus - ein geisterhafter Gruß aus einer Zeit, in der man sich noch aufregte.

    Konzert

    Das Floß der Medusa

    Von Hans Werner Henze

    Konzerthaus




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    Dokument erstellt am 2017-11-03 16:17:03



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