• vom 12.04.2018, 16:51 Uhr

Klassik/Oper

Update: 12.04.2018, 17:22 Uhr

Leonard Bernstein - Der Charismatiker

Operation missglückt, Patient überlebt




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Von Edwin Baumgartner

  • Sven Oliver Müller versucht, in einer Charakterstudie dem Charisma Leonard Bernsteins auf den Grund zu gehen.



Leonard Bernsteins Persönlichkeit war vielschichtig - sein Charisma bestritten nicht einmal seine Gegner.

Leonard Bernsteins Persönlichkeit war vielschichtig - sein Charisma bestritten nicht einmal seine Gegner.© ap Leonard Bernsteins Persönlichkeit war vielschichtig - sein Charisma bestritten nicht einmal seine Gegner.© ap

Wieviel weiß ein Pathologe über einen Menschen, nachdem er dessen Leichnam seziert hat? Anders gefragt: Wieviel bringt Sven Oliver Müllers Biografie "Leonard Bernstein - Der Charismatiker", vorgelegt zur 100. Wiederkehr von Leonard Bernsteins Geburtstag in diesem Jahr, an neuen Erkenntnissen über den Komponisten und Dirigenten?

Müller, 1968 geborener deutscher Historiker, forscht zu den Themen Nationalismus und Musikleben im 19. Jahrhundert und ist Leiter einer Forschungsgruppe über Musik und Emotionen am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Information

Sven Oliver Müller: Leonard Bernstein - Der Charismatiker, Reclam 2018, 302 Seiten, 28,80 Euro

Was ihn an Bernstein interessiert, legt er in Untertitel und erstem Kapitel dar: Er versucht, Bernsteins Charisma auf den Grund zu gehen. Deshalb vermeidet Müller die herkömmliche Biografie im Sinn einer chronologischen Lebenserzählung, sondern unterteilt das Phänomen Bernstein in diverse Aspekte: "Der Dirigent", "Das Repertoire", "Der Privatmann", "Der Politiker", "Der Amerikaner" und so weiter.

Wissenschaftlichkeit

Das ist ein interessanter Ansatz. Müller stützt seine Thesen mit einer Zitate- und Verweis-Überflutung, die einerseits wissenschaftlich redlich ist, andererseits wirkt, als wolle sich der Autor hinter längst Gesagtem verstecken. Doch so kann Wissenschaft nun einmal aussehen, und das Buch ist stilistisch immerhin gut genug geschrieben, dass die Zitate den Leser nicht aus dem Text hinauswerfen.

Allerdings setzt schnell Verwunderung ein: Bernstein war eitel, gewiss - nur wie oft muss ein Biograf das betonen, wenn er diese Erkenntnis im Bewusstsein des Lesers verankern will? Und entsprang die von Bernstein selbst behauptete Verwandlung in die Komponisten, die er aufführte, tatsächlich einer Überheblichkeit, oder waren seine zweifellos euphorischen Aussagen, er habe sich als Gershwin oder Mahler gefühlt, nicht eher der Versuch, seine Überzeugung von der musikalischen Richtigkeit seines Interpretationsansatzes auszudrücken, ohne intellektuelle Verklausulierungen vorzuschützen?

Katastrophenmoment

Solche Deutungen einer Persönlichkeit liegen freilich im Ermessensspielraum des Biografen. Geradezu absurd hingegen nehmen sich sachliche Fehler aus, die selbst dem flüchtigen Leser auffallen. Auf Seite 52 etwa berichtet Müller vom höchst angespannten und in einer Ohrfeige gipfelnden Verhältnis zwischen Bernstein und dem englischen Komponisten Benjamin Britten: "Etwas harmonischer fiel die persönliche Begegnung im Jahr 1946 aus, als Bernstein die amerikanische Erstaufführung von Brittens Oper ,Peter Grimes‘ leitete." Schon im folgenden Absatz fabuliert Müller in Zusammenhang mit einer Aufführung von Luigi Cherubinis "Medea" mit Maria Callas an der Mailänder Scala: "Bis 1953 hatte er (Bernstein, Anm.) nie in einem Opernhaus dirigiert, nie eine Oper auch nur in Teilen aufgeführt." Abgesehen vom sechs Sätze zuvor erwähnten "Peter Grimes", hat Bernstein im Juni 1953, und damit ebenfalls vor den "Medea"-Aufführungen im Herbst, Francis Poulencs Oper "Les mamelles de Tirésias" an der Brandeis University dirigiert.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 16:57:11
Letzte Änderung am 2018-04-12 17:22:29


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