• vom 14.05.2018, 16:57 Uhr

Klassik/Oper

Update: 14.05.2018, 18:04 Uhr

Staatsoper

Gefrorene Leidenschaft




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Von Judith Belfkih

  • Eine vor allem szenisch durchwachsene "Samson et Dalila"-Premiere an der Staatsoper.

Ein schönes, aber kaum glaubwürdiges Liebespaar: Elina Garan a und Roberto Alagna als Samson und Dalila.

Ein schönes, aber kaum glaubwürdiges Liebespaar: Elina Garan a und Roberto Alagna als Samson und Dalila.© Staatsoper/Michael Pöhn Ein schönes, aber kaum glaubwürdiges Liebespaar: Elina Garan a und Roberto Alagna als Samson und Dalila.© Staatsoper/Michael Pöhn

Das lodernde Feuer des Herzens im Widerstreit mit der kühlen Pflicht des Verstandes; persönliches Glück im Konflikt mit dem Schicksal des eigenen Volkes; irdische gegen himmlische Freuden; strahlendes göttliches Heldentum, das über den zutiefst menschlichen Makel stolpert - es sind ebenso alte wie zeitlose Themen, die Camille Saint-Saëns in seiner Oper "Samson et Dalila" verhandelt. Sie in einen heutigen Kontext zu stellen, vor einer neuen gesellschaftlichen Schablone zu überprüfen, ist absolut reizvoll. Zumal eines der zentralen Machtinstrumente der Oper - die weibliche Sexualität - aktuell Teil einer hitzigen gesellschaftlichen Debatte ist. Was die Neuproduktion von "Samson et Dalila" an der Staatsoper betrifft, so muss man umformulieren: Es wäre reizvoll gewesen.

Das Stück hat dramaturgische Schwächen, die 2018 wohl noch eklatanter sind als im Jahr der Uraufführung 1877: Bibelkenntnis kann man bei Zusehern heute kaum mehr voraussetzen. Regisseurin Alexandra Liedtke gelingt es nicht, diese Schwächen mit ihrer Regie gänzlich auszumerzen, beziehungsweise die offenen Fragen, wenn schon nicht zu beantworten, dann doch schlüssig in szenische Bahnen zu lenken.

Information

Samson et Dalila

Marco Armiliato (Dirigat)
Alexandra Liedtke (Regie)
Wiener Staatsoper
Termine: 15., 18., 21. und 25. Mai

Starke, intime Bilder

Obwohl der große Bogen nicht stimmt und immer wieder abbricht, gelingen Liedtke eindrucksvolle Bilder. Mit sparsamen Requisiten umreißt sie in der dunklen Bühne (Raimund Orfeo Voigt) komplexe Situationen und präzise Stimmungen. Durch eine geschickte Lichtregie definiert sie reduzierte Räume, mit denen sie Intimität auf der großen Bühne herstellt. Und im Finale schließlich gelingt ihr ein eindrucksvolles Bild: Wenn der von Dalila verführte, verratene, besiegte und geblendete Samson in seiner geschundenen Menschlichkeit auf dem Laufsteg einer Schickimicki-Gesellschaft vorgeführt wird, dann öffnet sich eine weitere, höchst aktuelle Dimension des Stoffes: Seinem Herzen zu folgen und sich bedingungslos der Liebe zu unterwerfen, führt unausweichlich in den Untergang. Einen ganzen Opernabend tragen diese Bilder nicht. Was es mit Samsons Haaren auf sich hat, bleibt unklar, was genau im Finale spektakulär in Rauch aufgeht, ebenso.

Dass der Abend nicht aufgeht, liegt auch und vor allem an der Unschlüssigkeit einer zentralen Figur gegenüber: Dalila. Elina Garanča singt die Verführerin technisch makellos, ihr Parlando ist von einer unglaublichen Stringenz und Dichte, ihr Mezzosopran ist technisch präzise und fein dosiert, jede Nuance ist vokal perfekt ausgeleuchtet. Mächtige Verführerin ist sie jedoch keine. Dafür fehlt ihr jedes Geheimnis - und das Lodern der Leidenschaft. Denn die einzige Macht, mit der sie hier ausgestattet ist, ist Eiseskälte. Diese Dalila ist von Anfang an kühl berechnend, sie will den feindlichen Helden mit ihrer Verführung zu Fall bringen. Im Widerstreit mit ihren eigenen Gefühlen ist sie nie, ihr Auftrag ist klar. Das macht es unverständlich, warum Samson ihr überhaupt verfällt - womit der zentrale Angelpunkt des Stückes zerbricht.

Gebrochener Held

Roberto Alagna zeichnet den Fall dieses von Gott auserwählten, anfangs strahlenden Helden Samson stringent und überzeugend nach. Stark im Kampf, doch in der Liebe ein Sklave: Er fällt, weil er seiner Leidenschaft für Dalila nachgibt - und reißt sein Volk mit sich. Auch vokal ist Alagnas Bogen stimmig von den verschwenderisch versprühten klanglichen Metallpartikeln des Beginns bis zur absoluten Brüchigkeit im Finale. Carlos Álvarez führt als kraftvoller Oberpriester die weiteren Solisten an.

Marco Armiliato gelingt es am Pult des großteils balancierten Orchesters immer wieder, intime kammermusikalische Inseln herzustellen, mit solistischen Passagen fein leuchtende Oasen aus dem mitunter theatralisch glühenden, spätromantischen Klangstrom heraus zu meißeln.

Neben Jubel für die Solisten gab es am Samstag einen wahren Orkan an Unmutsbekundungen für die Regie - die vielen fein gedachten Ideen von Alexandra Liedtke vermochten das Publikum bei deren Staatsopern-Debüt ob des nicht ersichtlichen Gesamtkonzeptes nicht zu überzeugen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-05-14 17:03:48
Letzte Änderung am 2018-05-14 18:04:10


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