• vom 16.05.2018, 16:59 Uhr

Klassik/Oper

Update: 22.05.2018, 17:06 Uhr

Konzert

Modernität durch Klarheit




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Lena Dražić

  • Barock-Spezialist John Eliot Gardiner im Musikverein.

Für seine aktuelle Tournee hat John Eliot Gardiner unter den Kantaten Johann Sebastian Bachs vorwiegend solche ausgewählt, deren schmerzlicher Affektausdruck den Komponisten an die Grenze dessen führte, was in der Musiksprache seiner Zeit an expressiver Drastik gerade noch möglich war. Bei dem englischen Barockspezialisten wird diese oft frappante Modernität der Bach’schen Musik weniger durch Betonung oder gar forciertes Hervorheben musikalisch gewagter Momente deutlich, sondern offenbart sich durch die schlichte Klarheit der Interpretation gleichsam von selbst: etwa, wenn die Stimmgruppen des Monteverdi Choir die fugierten Einsätze von "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" ganz gerade ansingen und die Töne anschließend aufblühen lassen, um sie in quälenden Vorhalten übereinander zu schichten.

Die übliche Polarität von Chor und Soli wird hier aufgelöst, indem alle Sänger und Sängerinnen auch im Chor mitwirken, wobei manche Soli kurzfristig mit wechselnden, teils ausgezeichneten jungen Chormitgliedern besetzt werden. Am besten klingen die Stimmen aber doch gemeinsam - weniger ein Chor im landläufigen Sinn als ein herausragendes Ensemble, dessen 18 Mitglieder im Tutti einen Klang von verblüffender Fülle erzeugen. Dennoch verschwimmen die Partien nie zu homogenem Mischklang, sondern treten stets gestochen scharf hervor.


Ebenso klar und transparent wirken die English Baroque Soloists, wobei die von Rachel Baldock meisterlich gespielte Solooboe den Abend wie ein heimlicher roter Faden durchzieht. Standing Ovations im Musikverein.

Konzert

Monteverdi Choir

English Baroque Soloists

Wiener Musikverein




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-05-16 17:03:48
Letzte Änderung am 2018-05-22 17:06:55


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. rätsel
  2. "Wir sind alle noch ziemlich barbarisch"
  3. Unter Dumpfbacken
  4. Betreutes Leben: Marie Kondos Aufräumhilfe auf Netflix
  5. Der multiple Denkspieler Peter Sloterdijk
Meistkommentiert
  1. "Selbstbewusst einen lauten Schas lassen"
  2. Menasse bekommt trotz Kritik Zuckmayer-Medaille
  3. "Kammermusik ist fast wie Urlaub"
  4. Roman unter Wahrheitspflicht
  5. Wenn Mensch und Maschine verschmelzen

Werbung




Der Deutsche gab am Pult im Goldenen Saal des Musikvereins den Kapellmeister Deluxe.

Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker. Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk.

Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913


Werbung