• vom 28.07.2018, 18:49 Uhr

Klassik/Oper

Update: 28.07.2018, 18:54 Uhr

Zauberflöte

Unter Strom und an der kurzen Leine




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Von Judith Belfkih

  • Die Salzburger "Zauberflöte" verirrt sich im Großen Festspielhaus auf der Suche nach neuen, radikalen Wegen.

Adam Plachetka (Papageno) und Christiane Karg (Pamina) sind in der "Zauberflöte" vokal gesehen gegen den Typ besetzt.  - © APAweb / Barbara Gindl

Adam Plachetka (Papageno) und Christiane Karg (Pamina) sind in der "Zauberflöte" vokal gesehen gegen den Typ besetzt.  © APAweb / Barbara Gindl

Salzburg Es ist, als hätte er Mozart unter Strom gesetzt. Unter hochfrequenten Wechselstrom. Schon die Ouvertüre ist knallig furios. Die Töne, sie wirken wie kurz angerissen und sofort wieder fallen gelassen. Kein Verweilen, kein Entfalten von Klang. Doch was sich als musikalisch rasante Lesart unter Hochspannung erweisen hätte können, es entpuppt sich letztlich als musikalische Kurzatmigkeit.

Dirigent Constantinos Carydis versucht Mozart mit den Wiener Philharmonikern gegen den Strich zu bürsten und nimmt die "Zauberflöte" dazu an die ganz kurze Leine. Freilich: Sein Antupfen und Weiter-Eilen fegt den Ballast der Aufführungspraxis weg, legt manches Detail frei, verpasst mancher Phrase eine überraschend erfrischende Farbe. Was übrig bleibt, erinnert jedoch an ein kaum lebensfähiges Gerippe. Viel Platz hat Mozart nicht, um sich auf den Noten niederzulassen, in der theatral zelebrierten Leere dazwischen auch nicht.

Kein satter Klangteppich

Die starken Akzentuierungen, abrupten Dynamiken und Reduktionen gehen aber nicht nur auf Kosten des Gesamtklanges, vor allem die Sänger haben mit ihnen zu kämpfen. Kein satter orchestraler Teppich, der sie trägt, keine Bögen, an die sie sich schmiegen könnten. Natürlich ließen sich auch die Dimensionen des Großen Festspielhauses dafür verantwortlich machen - gibt es in Salzburg nicht ein eigenes, auch so heißendes Haus für Mozart? Das Band zwischen Bühne und Graben, es ist jedenfalls angespannt und filigran - es wird im Laufe der Premiere am Freitag auch einige Male reißen.

Die Sängerinnen und Sänger sind fast ohne Ausnahme vokal gesehen gegen den Typ besetzt, zumindest jedoch untypisch. Christiane Karg ist eine herbe, gar nicht lyrische Pamina. Ebenso wie Mauro Peter als Tamino, dessen Tenor zwar über Kraft verfügt, nicht aber über Schmelz und Leichtigkeit. Warum Matthias Goerne, einer der wunderbarsten Singschauspieler überhaupt, sich als Sarastro hat verpflichten lassen, bleibt rätselhaft. Es ist schlicht nicht sein Stimmfach, er markiert die Partie auch mehr, als sie zu singen. Albina Shagimuratova als Königin der Nacht ist zumindest souverän. Einzig Adam Plachetka ist als solider Papageno eine zumindest gute Wahl. Ein neues Salzburger Mozart-Ensemble wächst hier nicht heran. Sängerisch herausragend sind einzig die drei Wiener Sängerknaben, die hörbar im Terzett singen.

Fantasievoller Kunstgriff

Die szenische Umsetzung teilt das Schicksal der musikalischen: Mut und Fantasie, die letztlich mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten. Regisseurin Lydia Steier setzt auf einen Kunstgriff und führt die Figur eines großväterlichen Erzählers ein. Der bringt seine drei Enkel ins Bett und liest ihnen ein Märchen vor. Die lebendige Vorstellungskraft der Knaben lässt im Kinderzimmer eine glitzernde Märchenwelt entstehen, die sich immer mehr in den Vordergrund drängt und die Realität integriert, verwandelt und verschluckt.

Schließlich werden die Buben - als die drei Knaben - ein aktiver Teil der fantastischen Geschichte. Wie Steier diese Welten ineinander fallen lässt, ist absolut gelungen. Ihre Herangehensweise legitimiert theoretisch die fantastischsten Bilder.

Die zweite Fliege, die die Regisseurin mit dem erzählenden Großvater - teils überraschend kleinlaut: Klaus Maria Brandauer - schlägt: Sie umschifft die von den Sängern oft schlecht gesprochenen Szenen. Steier greift auch ins Libretto ein, ersetzt die rassistischen Phrasen, die frauenfeindlichen dürfen bleiben. Dass sie die Dialoge fast ganz streicht, ist theoretisch klug, führt aber dramaturgisch zu Ungereimtheiten und Lücken.

Zirkusdirektor Sarastro

Das größere Problem ihrer Inszenierung sind jedoch die assoziativen Bilderwelten, in die sie mit ihrem Kunstgriff führt. Warum Sarastro ein leicht depressiver Zirkusdirektor und die Eingeweihten Messer werfende Akrobaten, traurige Clowns und Jongleure sind, erschließt sich ebenso wenig wie die Ansiedlung der Handlung am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Dass groß projizierte Bilder von verstümmelten Gesichtern und entstellten Leichen aus eben diesem Krieg sich als die Prüfungen für eine verhuschte Pamina und einen hölzernen Tamino herausstellen, diese weitere Drehungen entziehen sich jeder Logik. Die Bilderwelten sind von den Comics von Winsor McCay aus 1905 inspiriert, weiß das Programmheft. Auch sie zeigen fantastische Welten und Kinder - mehr Verknüpfungen zur "Zauberflöte" gibt es nicht. Das ist zu wenig, um einen Opernabend mit Sinn zu erfüllen.

Die wandelbar Bühne von Katharina Schlipf kann leuchten und Feuer spucken, die Kostüme von Ursula Kudrna glitzern. Beide dienen sie dem wirren Regiekonzept. Die Ballerinas mit Glitzer-Tutus und Bärenkopf oder die Luftakrobatinnen sind zwar schön anzusehen, tun aber für die Geschichte herzlich wenig. Doch die zählt schon lange nicht mehr, nachdem sich das Leading-Team in seine überladenen Bildwelten verstiegen hat.

Bejubelt wurden am Freitag vor allem die musikalischen Mitwirkenden, für die Regie gab es Buhs und Bravos. Alles in allem aber weniger eine "Zauberflöte" als ein Abend, an dem nach und nach der Zauber flöten ging.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-28 18:51:27
Letzte Änderung am 2018-07-28 18:54:42


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