• vom 16.08.2018, 16:37 Uhr

Klassik/Oper

Update: 16.08.2018, 16:54 Uhr

Konzertkritik

Die "Neunte" - ohne Zweifel grenzgenial




  • Artikel
  • Lesenswert (20)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Kriechbaum

  • Faszinierende Bruchlandungen: Currentzis interpretiert Beethoven in Salzburg.

Extrem-Dirigent Teodor Currentzis.

Extrem-Dirigent Teodor Currentzis.© Salzburger Festspiele/M. Borelli Extrem-Dirigent Teodor Currentzis.© Salzburger Festspiele/M. Borelli

Teodor Currentzis ist nicht zuletzt deshalb Senkrechtstarter in der Szene, weil der Außenseiter mit seinen Ensembles "musicAeterna" (im Grundstock nach wie vor von der Oper im sibirischen Perm) das Unorthodoxe zum Markenzeichen erklärt hat. Keine Currentzis-Interpretation, die nicht Potenzial zum Polarisieren in sich trüge.

Bei den Salzburger Festspielen ist ihm heuer ein Beethoven-Zyklus anvertraut. Losgeknallt wurde mit der "Neunten" am Mittwoch in der Felsenreitschule - und das Publikum huldigte Currentzis und den Seinen mit Enthusiasmus. Das hatte sehr zu tun mit dem Finalsatz, aber nicht nur deshalb, weil’s am Ende laut war. Zu den Currentzis-Extremen gehört nämlich auch das Radikal-Pianissimo. Da konkurrieren plötzlich die Streicher, wenn sie das Thema im Fugato exponieren, mit dem kaum wahrnehmbaren Hauch der Klimaanlage. Von diesem Pianissimo weg entwickelt Currentzis seine Dramaturgie. Er erzielt mit dem achtzigköpfigen Chor (musicAeterna und Salzburger Bachchor) rezitativische Anmutungen auch im berüchtigten Beethoven-Forte, wo sonst meist schon ums Überleben geschrien wird.

Information

Konzert

Beethoven-Zyklus

Teodor Currentzis, musicAeterna

Das Bass-Rezitativ ward jedenfalls beim Wort genommen: Nicht diese Töne, lasst uns angenehmere anstimmen! Zuvor nämlich war’s oft richtig unangenehm im martialischen Tohuwabohu, bei dem die Holzbläser mit ihren Originalinstrumenten im ersten Satz schon mal schauen mussten, wo sie all ihre Töne unterbringen sollten. Und ihr akustischer Überlebenskampf gegen die Pauke im zweiten Satz? Auch mehr Hitchcock als Beethoven. Was technisch da alles danebenging, war ungefähr so sagenhaft wie das, was ein- und nachdrücklich originell ausgeformt wurde. Würde man eine Strichliste geführt haben über faszinierende Ideen und handwerkliche Bruchlandungen, wären die beiden Spalten vermutlich gleich lang. Grenzgenial eben, sei’s dies- oder jenseits welcher Grenze auch immer.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 16:47:41
Letzte Änderung am 2018-08-16 16:54:01


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Am Ende wartet die Hölle
  2. Die Saloon-Türen schwingen wieder
  3. "Beleidigen ist zum guten Ton geworden"
  4. Fifty Shades of Crash
  5. "Ich fühle mich wie ein Kind"
Meistkommentiert
  1. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  2. "Wiener Zeitung"-Geschäftsführer will "Gas geben"
  3. Drama um Daniel Küblböck
  4. Punkt! .
  5. "Beleidigen ist zum guten Ton geworden"

Werbung




Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.


Werbung