• vom 24.08.2018, 07:30 Uhr

Klassik/Oper

Update: 25.08.2018, 11:44 Uhr

Porträt

Der maßlose Musiker




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Posen und Klischees

Der Dirigent Leonard Bernstein indessen erweckt heute mehr Interesse als Begeisterung. Konnte man sich im Konzertsaal seiner ungeheuren Präsenz und Ausstrahlung so wenig entziehen, dass man selbst die eigentümlichsten Interpretationsansätze noch mit Begeisterung quittierte, zeugen die CDs, die als Konserve vom Live-Erlebnis gelöst sind, von Seltsamkeiten und willkürlichen Entscheidungen. Bernstein blieb Komponist, auch wenn er die "Eroica" Beethovens dirigierte oder Mahlers "Auferstehungssymphonie". Er war der maßlose Subjektivist, der sich gar nicht fragte, ob seine Sicht auf ein Werk mit den Intentionen des Komponisten übereinstimmten, sondern jedes Werk so interpretierte, als habe er es selbst komponiert.

Und wenn ihm ein Akkord nicht passte, dann wurde er eben modifiziert: "Sakrileg", wüteten die Kritiker, als Bernstein den ersten Akkord von Verdis "Falstaff", der tatsächlich mehlig klingt, in einen brillant leuchtenden Anfang verwandelte. Lag er so falsch? Wenn ja: Wieso überzeugt dann Bernsteins Bearbeitung mehr als Verdis Original?

Bernstein der Maßlose, Bernstein der Poseur - auch das gehört zu diesem einzigartigen Musiker. Gewiss ist das umnebelt von Verklärungsgeschichten. Wie oft ist Bernsteins Dirigieren mit Händen, Füßen und Grimassen ausgespielt worden gegen Herbert von Karajans aristokratisches Musikpriestertum. Genüsslich spielte man die Klischees aus: Karajan, der Nur-Dirigent; Bernstein, der Dirigent, Komponist und Pianist, umfassend gebildet, der in jeder Partitur Parallelen zu Dichtung und Malerei aufspürt. Karajan, der Sucher nach Schönheit; Bernstein, der Sucher nach Wahrheit. Karajan - der Dirigent für Adel, Geldadel und Elite; Bernstein, der Dirigent, der die proletarischen Massen im Sog von Beethovens Neunter Symphonie zur pazifistischen Internationale vereint. Doch das waren die Kehrseiten derselben Medaille. Dementsprechend scharten beide Dirigenten eine Gemeinde um sich. Nur wenige konnten Anhänger beider sein.

Bernstein liebte den Rausch und lebte ihn: Das Glas Whisky gehörte zu ihm wie die Zigarette und, ja: auch der Sex - mit Frauen und Männern gleichermaßen. Seine Virilität strömte aus allen Poren. Er liebte die Welt und forderte die Gegenliebe ein. Bernstein umarmte und küsste - nicht nur Sänger und Musiker nach außerordentlichen Leistungen, sondern auch Fans. Er hatte die Begabung, jedem das Gefühl zu geben, gerade in diesem Moment ausschließlich an ihm interessiert zu sein. Für ein kurzes Gespräch über seine "Kaddish"-Symphonie mit einem Musikstudenten ließ er die Schlange der Autogrammjäger warten - und alle warteten gerne, denn jeder wusste, es würde der Moment kommen, da das Universum Bernsteins nur um ihn kreisen würde.




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Schlagwörter

Porträt, Leonard Bernstein

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 16:17:46
Letzte Änderung am 2018-08-25 11:44:57


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