• vom 04.09.2018, 09:00 Uhr

Klassik/Oper


Orchester

Nur nicht in Hosen!




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief





Unter den rund 20 großen Orchestern der USA sind die 1842 gegründeten New Yorker Philharmoniker das letzte Ensemble, bei dem Musikerinnen bei festlichen Konzerten keine Hosen tragen dürfen. Nur bei Auftritten tagsüber, in Parks oder für junge Zuschauer werden Ausnahmen zugelassen. "Die Frauen unter den Philharmonikern können alles spielen", titelte die "New York Times" jüngst - "Nur nicht in Hosen." Dagegen formiert sich nun Widerstand.

Das Orchester, das in der David Geffen Hall im Lincoln Center an der Upper West Side in Manhattan beheimatet ist, besteht aus 50 Musikern und 44 Musikerinnen. Chefdirigent ist ab dieser Saison der Niederländer Jaap van Zweden. Präsidentin ist seit dem vergangenen Jahr Deborah Borda, die zuvor seit 2000 die Philharmonie in Los Angeles geleitet hatte. Auch dort sind den Musikerinnen offiziell erst seit dem vergangenen Jahr Hosenanzüge oder schicke Hosen für Konzerte erlaubt. Kurz nach Bordas Amtsantritt in New York gingen dann einige Musikerinnen auf sie zu - mit dem Wunsch nach Gleichberechtigung in der Kleiderordnung. "Wir würden das gerne verändert sehen, und bald", sagt die 31-jährige Hornspielerin Leelanee Sterrett. "Und nicht nur dahingehend, dass künftig Hosen erlaubt werden, sondern auch eine größere Aussage dazu, was es bedeutet, gut angezogen zu sein."

Denn einerseits geht es um Gleichberechtigung, um Emanzipation und auch darum, dass es mit vielen Instrumenten schlicht hinderlich ist, in Rock oder Kleid zu spielen. Aber andererseits geht es auch um Modernität: Was bedeutet es heutzutage eigentlich, schick angezogen zu sein, und welches Image will ein Orchester von sich verbreiten?

Wenige Autostunden nördlich von New York tobt währenddessen ein weiterer Orchester-Gleichberechtigungsstreit: Die Flötistin Elizabeth Rowe hat das Boston Symphony Orchester verklagt, weil sie nur rund 75 Prozent des Gehaltes ihrer männlichen Kollegen in vergleichbaren Positionen verdiene. Seit rund einem halben Jahrhundert spielen Musiker in den USA und auch in Europa, wenn sie sich für eine Position in einem Orchester bewerben, hinter einem Vorhang vor, damit ihr Geschlecht nicht erkennbar ist. 47 Prozent der Berufsmusiker in Orchestern in den USA sind nach Angaben des Branchenverbands weiblich. Aber zu voller Gleichberechtigung, so sehen es viele, ist es trotzdem noch ein weiter Weg.

Die Präsidentin der New Yorker Philharmoniker zeigt sich in Sachen Kleiderordnung zumindest offen. Bisher sei es ein "sehr guter Dialog" gewesen, sagt Borda. Aber es sei nicht einfach, einen Kompromiss zu finden, denn der Geschmack der reichen Stammgäste und Spender sei eher konservativ. "Viele Orchester haben sich an vielen verschiedenen Arten von schicker Kleidung für Männer und Frauen versucht. Das war nicht immer erfolgreich."

Gilt New York normalerweise fast immer als Stadt der fortschrittlichsten Trendsetter, so ist bei diesem Thema das traditionsbewusste Europa ein ganzes Stück weiter. In Österreich haben so gut wie alle Orchester sehr liberale Regelungen. Beim Radio-Symphonieorchester Wien etwa sind schwarze lange Kleider, Röcke wie Hosen akzeptiert. Der Stoff sollte jedoch elegant, die Schultern sollten bedeckt sein. Auch bei den Wiener Symphonikern liest sich die Regelung ähnlich: die Herren je nach Anlass im Anzug oder Frack, die Damen im langen Kleid, Rock, Hose oder Hosenrock. Auch hier gilt wie in vielen Orchestern, dass "in allen Fällen Ärmel erwünscht und große Dekolletés zu vermeiden sind". Auch schwarze (Knie-)
Strümpfe sind für beide Geschlechter Pflicht. Auch bei den Münchner Orchestern ist die Frage geklärt. Die Damen im Bayerischen Staatsorchester tragen etwa zu 80 Prozent Hosen, heißt es aus dem Orchester. Wichtig ist auch hier, "dass Schultern und Oberarme schwarz bedeckt sein müssen". Die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks lassen Hosen ebenfalls zu.

zurück zu Seite 1 weiterlesen auf Seite 3 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-03 16:47:57
Letzte Änderung am 2018-09-03 16:56:57


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Ursprung der Wiederholung
  2. Im Inselreich der Affekte
  3. Die Tiefe des Meeres im Krieg
  4. Zerrbild der Ideenträger
  5. Die Nestroy-Preise wurden verliehen
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Venus, Warhol oder Papagei
  5. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video

Werbung




Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.


Werbung