• vom 08.10.2018, 14:00 Uhr

Klassik/Oper

Update: 08.10.2018, 17:07 Uhr

Nachruf

Die letzte Diva




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Von Edwin Baumgartner

  • Der Tod der spanischen Sopranistin Montserrat Caballé steht für das Ende einer Epoche.


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Barcelona/Wien. Unvermindert große Trauer herrscht über den Tod von Montserrat Caballé. Die spanische Sopranistin ist am 6. Oktober in ihrer Geburtsstadt Barcelona im Alter von 85 Jahren gestorben. Caballé war weit über den Bereich der klassischen Musik hinaus ein Begriff. Dass sie und Freddy Mercury gemeinsam bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Barcelona auftraten, kam nicht von ungefähr: Der Queen-Sänger war ein Fan der Caballé - und umgekehrt. Bereits 1987 hatten sie gemeinsam ein Album aufgenommen.

Montserrat Caballé, am 12. April 1933 geboren, debütierte 1956 in Basel als Mimi in Puccinis "La Bohème". Damit begann eine fast einzigartige Karriere. Bis zuletzt war die Caballé aktiv: Der letzte ihrer mehr als 4000 Auftritte fand im Juni des laufenden Jahres in Kiew statt. An der Wiener Staatsoper trat sie zum ersten Mal am 28. Februar 1959 als Donna Elvira in Mozarts "Don Giovanni" auf und verabschiedete sich nach insgesamt 44 Vorstellungen am 28. April 2007 als Duchesse de Crakentorp in Donizettis "Regimentstochter".


Gesang mit dem Herzen
Montserrat Caballé führte ein unauffälliges Privatleben, sieht man von einer Steuerhinterziehungsaffäre ab. 1964 heiratete sie den Tenor Bernabé Martí, die Ehe hatte bis zu ihrem Tod Bestand. Ihre Tochter Montserrat Martí ist ebenfalls Sängerin. Montserrat Caballé war es übrigens auch, die José Carreras entdeckte.

Wiederholt sah sich die Caballé mit zwei Einwänden konfrontiert: Der eine war, dass sie nicht intelligent sang, also die Interpretation auf die rein musikalisch-technische Ebene beschränkte; der andere betraf ihre füllige Erscheinung. Stichhaltig freilich war weder der eine noch der andere.

Das hatte, salopp gesagt, mit dem Gesamtpaket Montserrat Caballé zu tun: Sie sang mit dem Herzen. Ihr Sopran leuchtete warm, sein Klang war von unbeschreiblicher Schönheit; die Caballé konnte legati singen, als könne sie auf das Atmen verzichten, und pianissimi hauchen, die andere Sängerinnen und Sänger nur unter Studiobedingungen mit elektronischen Tricks zuwege bringen. Diesem einzigartigen Gesang glaubte man alles: Man glaubte der Caballé die Mimi und die Violetta in Verdis "La Traviata", man glaubte ihr die Rosina in Rossinis "Barbier von Sevilla" und die Norma in Bellinis gleichnamiger Oper. In Meyerbeers "Afrikanerin" feierte sie einen Triumph sonder gleichen: Wohl nie zuvor war die Rolle der Selica mit dieser Innigkeit gesungen worden. Die Caballé konnte aufgrund ihrer perfekten Stimmbeherrschung die verwegensten Ansprüche des Komponisten mit scheinbarer Mühelosigkeit erfüllen und mit beglückender Natürlichkeit wiedergeben.

Ausflüge ins dramatische Fach
Das Spezialgebiet der Caballé war wohl der Belcanto, aber ihre Ausflüge in andere Bereiche überzeugten nicht weniger: Als Salome in Richard Strauss’ Oper und als Richard Wagners Isolde zeigte sie, dass beide Rollen nicht nur deklamiert, sondern richtig gesungen werden können. Puccinis Turandot, Ottorino Respighis Silvana (in "La fiamma") und die Isabella in Leonardo Baladas "Cristóbal Colon" führten sie in dramatische Bereiche, wo man die sinnliche Schönheit von Stimmen bisweilen vermisst. Nicht von ungefähr wählte Leonard Bernstein für die Einspielung seiner "Kaddish"-Symphonie die Caballé als Sopransolistin: Gerade das Leuchten dieser Stimme war geeignet, im zweiten Satz Ruhe in das aufgewühlte Geschehen zu bringen.

Bei ihren Soloabenden machte die Caballé den Eindruck eines glücklichen Menschen voller Humor und Lebenslust.

Der Tod von Montserrat Caballé steht symbolisch für das Ende der Oper als Stätte des perfekten Gesangs, dem sich der Zuhörer hingeben konnte. Die makellose Schönheit der Stimme wird durch zahlreiche Einspielungen bewahrt. Das Erlebnis Oper aber ist jetzt endgültig ein anderes geworden.




Schlagwörter

Nachruf, Montserrat Caballe

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-08 16:54:38
Letzte Änderung am 2018-10-08 17:07:18


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