• vom 05.11.2007, 17:57 Uhr

Klassik/Oper


Österreichische Erstaufführung einer Kammeroper von Judith Weir

Der doppelte Eckbert




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Von Ernst Scherzer

  • Wenn sich das Tiroler Landestheater mit seinen Produktionen zeitgenössischen Opernschaffens seit einiger Zeit auf die Kammerspiele beschränkt, bedeutet dies keineswegs einen Rückzug. Im Falle der jüngsten Premiere, der österreichischen Erstaufführung von Judith Weirs "Der Blonde Eckbert", sogar ganz das Gegenteil: Hautnah am Zuschauer ereignet sich in diesem intimen Rahmen das rätselhafte, von Ludwig Tieck vor mehr als 200 Jahren niedergeschriebene, Erkenntnisse der Tiefenpsychologie vorwegnehmende Märchen von Eckbert und Bertha, dem Freund Walther und einem geheimnisvollen Vogel.

Die Bevorzugung britischer Komponisten bei der Programmauswahl mag Zufall sein, jedenfalls war es lohnend, nach Thomas Adés und Michael Nyman nun auch der 53-jährigen Judith Weir zu begegnen.




Fesselnde Fassung
Am Innsbrucker Premierenabend sogar zweifach, aber auch gleich im Widerspruch. Da war einmal die mit unerhörtem Charme auf die Fragen der Intendantin Brigitte Fassbaender eingehende Gesprächspartnerin und eine halbe Stunde danach die ihre Zuhörer zwar nicht mit Dissonanzen erschreckende, das düstere Geschehen aber doch mit unerbittlicher klanglicher Härte illustrierende Musikerin.

Eine große Opernfassung des "Blonden Eckbert" hatte 1994 an der English National Opera in London ihre Premiere und wurde - unter anderem - 1996 in Bielefeld nachgespielt. Dort in einer Übersetzung (Alexander Gruber und Frank Harders-Wuthenow) des von der Komponistin selbst verfassten Librettos, die jetzt auch anlässlich der deutschsprachigen Erstaufführung der "pocket version" Verwendung fand. Zu dieser reduzierten Orchesterfassung hatte Judith Weir sich auf Ersuchen diverser kleiner Operngruppen entschlossen, Hansjörg Sofka und seine Innsbrucker Musiker haben sie mit einer Klangsinnlichkeit umgesetzt, die eine Stunde lang uneingeschränkt fesselt.

Nicht länger dauert nämlich dieses Vier-Personen-Stück trotz einiger nicht unbedingt notwendiger akrobatischer Mätzchen, die der Vogel dank der Regisseurin auszuführen hat. Im übrigen haben Anna Malunat (Inszenierung) und Julia Scheeler (Bühne und Kostüme) die Vorlage nicht nur in einen vor Spannung geradezu berstenden Theaterabend umgesetzt, sondern durch die verblüffende Ähnlichkeit der beiden männlichen Darsteller noch eine zusätzliche Betrachtungsweise der sich vielleicht nur im Hirn Eckberts abspielenden Geschichte geschaffen.

Als dennoch handelnde Figuren haben - gesanglich keine Wünsche offen lassend - Daniel Shay (Titelrolle), Kristina Cosumano (Bertha), Alexander Mayr (Walther) und vor allem Renate Fankhauser (Der Vogel) das Premierenpublikum zu Recht begeistert. In der Wiener Kammeroper kommt "Der Blonde Eckbert", die offensichtlich erfolgreichste, bei weitem nicht einzige Arbeit von Judith Weir für das Musiktheater, im Februar 2008 zur Aufführung.

Der blonde Eckbert

Von Judith Weir

Hansjörg Sofka (Dirigent)

Anna Malunat (Regie)

Tiroler Landestheater

0512/52074

Wh.: 10., 23. November,

2. und 6. Dezember

Begeisternd.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-11-05 17:57:55
Letzte Änderung am 2007-11-05 17:57:00

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