• vom 26.08.2011, 19:54 Uhr

Musik

Update: 11.08.2016, 15:47 Uhr

1971

Finsterer Abgang eines Jahrgangs




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Auf dem Cover posiert David als Edeltranse und leistet damit seinen Beitrag zur zweiten sexuellen Revolution, die nach der Akzeptanz der sexuellen Bedürfnisse der Frauen auch die Realität von Bi- und Homosexuellen als Normalität beförderte.

John Lennon: "Imagine"

Mit dem utopistischen Titelsong machte sich Lennon gleich nach seiner Beatles-Karriere ein zweites Mal unsterblich. Nicht nur Anarchisten zwischen New York und Wladiwostok werden bis heute von dem bewusst naiv getexteten Song zutiefst berührt. Aber John zeigte auf dieser Platte auch seine dunkle, gemeine Seite. "How Do You Sleep" ist ein extrem verletzender Titel, mit dem Ex-Partner Paul McCartney gedemütigt werden sollte ("The only thing you did was yesterday. . ."). Musikalisch betrachtet ist "Imagine" eine der besten Platten, die je ein Beatle nach der Trennung veröffentlicht hat. Man höre nur "Jealous Guy" . . .

Leonard Cohen: "Songs Of Love And Hate"

"Avalanche" heißt der erste Beitrag dieser Liedsammlung - und wie eine Lawine kommt die geballte existenzialistische Trostlosigkeit, die der gebürtige Kanadier hier loslässt, über den Hörer. Viel trauriger, verbitterter und düsterer geht’s kaum. Hätte Depression einen Klang, er würde sich so anhören wie diese musikalische Suizidermunterung. Viele Musikkritiker halten diese Kollektion für den Höhepunkt der Singer-Sonwritertums, und spätestens wenn man bei "Joan Of Arc" angelangt ist, diesem Exkurs über Leben und Tod, ist man geneigt, zuzustimmen. Nur unbedingt zu beachten: Schenken Sie diese Scheibe NIEMALS selbstmordgefährdeten Depressiven!

Nick Drake: "Pink Moon"

Wo wir gerade bei Depressionen sind: Drakes Abschiedswerk vor seinem Freitod wirkt nur oberflächlich betrachtet heiterer als Cohens Blick in den Abgrund. In Wirklichkeit hören wir hier die schreckliche Gelöstheit eines Menschen, der mit dem Leben abgeschlossen hat. Nick Drake, ein wahrlich von den Musen Geküsster, hat ein Leben als "Versager" in der Produktivitätssteigerungsgesellschaft nicht ausgehalten, ihn hat die Dauerpropaganda über die angebliche alleinige Wichtigkeit von Erfolg und Rentabilität in den Tod getrieben.

Und heute, 40 Jahre nach seinem Ableben, sind seine Lieder, die vom Anspruch handeln, leben zu dürfen, weil man ein Mensch ist, fast kaum mehr zu hören zwischen all dem wichtigtuerischen Gewese von Lebenswertberechnern. Kurz: "Pink Moon" ist großartig und zerbrechlich wie ein Kindertraum kurz vor dem Aufwachen.

The Kinks: "Musswell Hillbillies"

Die typischesten Vertreter einer eingeständigen britischen Rockmusik nehmen hier Amerikanismen an und spielen eine über weite Strecken von Country- und Bluesversatzstücken angereichterte Musik. Kann das funktionieren? Oh ja, es kann! Ray Davies und seine Boys liefern eine hübsche Mischung aus Parodie und, wie bei guten Musikern üblich, musikalischer Interpretation ihrer Inspirationsquellen. Aber keine Sorge, die Kinks sind auch hier "not like everybody else", immer noch sehr querköpfig und Davies’ Hass auf die modernen Zeiten wird so bitter und pointiert vorgebracht wie auf fast allen Kinks-Werken. Wer sonst würde sich trauen, Songs wie "Acute Schizophrenia Paranoia Blues" auf ein nach Mitschunkelmaterial wie "Lola" gierendes Publikum loszulassen? Der Kampf von Ray Davies gegen die Monster der Sozialbürokratie bricht hier voll durch, bis hin zur Drohung, Vertreter des Staates mit einer Pumpgun empfangen zu wollen. . .

The Allman Brothers: "At Fillmore East"

Das gab’s wirklich nur in den frühen 70er Jahren, dass ein Livealbum mit anspruchsvollen, bis zu 20 Minuten langen Bluesnummern zu einem Bestseller werden konnte. Die späteren Giganten des Southern-Rock spielen hier mit einer traumwandlerischen Sicherheit und Souveränität Chicagoblues mit Jazz- und Latineinflüssen, als hätten Gregg Allman und seine Bruderschaft an diesem Abend die Seelen aller großen schwarzen Musiker Amerikas gechannelt. Die Gitarrenarbeit vom kurz danach leider tödlich verunglückten Duane Allman und von Dickey Betts ist vom Feinsten, was die Saitenzunft zu bieten hat.

Duanes Slidegitarre schwebt über Betts fein gesponnenen Jazzakkorden - und beide beweisen mit virtuosen Soli, dass sie zu den besten Musikern ihrer Zeit gehören, während Gregg Allman sexy Akzente mit der Hammondorgel setzt und der ganzen Sache eine angemessen verrauchte Gesangsstimme gibt. Wie bei den Grateful Dead an einem guten Abend, kommt auch hier in keiner Sekunde Langeweile auf, selbst die längste Nummer der Platte fesselt den Hörer dank des spieltechnischen Formats der Band von Anfang bis Schluss.

Weitere wichtige Alben 1971

Fairport Convention: "Babbacombe Lee".
Janis Joplin: "Pearl".
Pink Floyd: "Meddle".
Marvin Gaye: "What’s Going On".
Yes: "The Yes Album" und "Fragile".
Jethro Tull: "Aqualung".
Joni Mitchell: "Blue".
Carole King: "Tapestry".
War: "All Day Music".
Black Sabbath: "Master Of Reality".
Jimi Hendrix: "The Cry Of Love".
Sly and the Family Stone: "There’s A Riot Goin’ On".
Elton John: "Madman Across The Water".
David Crosby: "If I Only Could Remember My Name".
Cat Stevens: "Teaser And The Firecat".
Beach Boys: "Surf’s Up".
Alice Cooper: "Love It To Death".
Traffic: "The Low Spark Of High Heeled Boys".
Genesis: "Nursery Crime".
Deep Purple: "Fireball".
Santana: "Santana III".
J.J. Cale: "Naturally".
Van Morrison: "Tupelo Honey".
Aretha Franklin: "Young, Gifted And Black".
Isaac Hayes: "Shaft".
Sandy Denny: "The North Star Grassman And The Ravens".
Paul McCartney: "Ram".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-08-25 21:05:06
Letzte Änderung am 2016-08-11 15:47:43


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