• vom 05.09.2011, 16:14 Uhr

Musik

Update: 05.09.2011, 16:47 Uhr

Konzertkritik

Klassenkampf mit den Mitteln der Tonalität




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Von Lena Dražić


    Angelika Kirchschlager zeigte sich in Bestform.

    Angelika Kirchschlager zeigte sich in Bestform.© © Nikolaus Karlinský, .. / Nikolaus Karlinský Angelika Kirchschlager zeigte sich in Bestform.© © Nikolaus Karlinský, .. / Nikolaus Karlinský

    Am vergangenen Sonntag konnte man HK Gruber beim Musik-Festival Grafenegg endlich in der Rolle erleben, die der Titel "Composer in Residence" verheißt: nämlich als Urheber eines neuen Werkes. Und doch handelte es sich bei der Uraufführung des Auftragswerks "Northwind Pictures" um keine völlige Neuheit, sondern um die Orchesterbearbeitung der 2005 in Zürich uraufgeführt Oper "Der Herr Nordwind". Der Komponist selbst bezeichnete das Stück freimütig als Verlegenheitslösung - die ursprünglich geplante Aufführung der Schlagzeug-Symphonie "Into the Open" musste aus Zeitgründen verschoben werden.


    Schade, wirkte das Orchesterwerk doch weitgehend illustrativ, schien die Musik auf der Opernbühne deutlich besser zu funktionieren als im Kontext "absoluter Musik".

    Im folgenden Konzertstück "Dancing in the Dark", einer Auseinandersetzungen mit der Wiener Orchestertradition, animierte der Komponist und Dirigent das Tonkünstler-Orchester zu bombastischen Klangeffekten, die mitunter wie eine Kompensation für die weniger zwingenden Abschnitte wirkten.

    Doch nicht nur Grubers eigenen Werken war das marathonartige Programm gewidmet: Bereits im nachmittäglichen "Prélude" präsentierte Gruber als Chansonnier - in vokalem Wechselspiel mit Florian Boesch und Ian Bostridge - eine Collage aus Liedern. Präsentiert wurden dabei Komponisten, mit denen Gruber sowohl das Festhalten an der tonalen Sprache verbindet, als auch das politische Engagement. Letzteres namentlich im Fall von Kurt Weill und Hanns Eisler.

    Würdiger Ausklang
    Kapitalismuskritik wie in Eislers "Ballade von den Säckeschmeißern" oder Weills "Die Muschel von Margate" stand dabei neben dem "Neobiedermeier" (HK Gruber) von Kreneks eigenwilligem "Reisetagebuch aus den österreichischen Alpen" und der düsteren Sperrigkeit von Brittens Liederzyklus "Our hunting fathers".

    Gekrönt wurde der Abend durch die konzertante Aufführung von Weills gesellschaftskritischem Opus "Die Sieben Todsünden". Angelika Kirchschlager lieferte eine überzeugende Interpretation der Protagonistin Anna, die sich für ihre vom sozialen Aufstieg besessene Familie verkaufen muss, konnte allerdings - wie auch das Männerquartett - gegen den übermächtigen Orchesterklang nicht aufkommen. Eine an der Grenze zum Sprechgesang angesiedelte Stimmgebung, wie sie Weills Musik nahelegt, könnte eigentlich mikrofonische Verstärkung vertragen. Dessen ungeachtet zeigten sich alle Beteiligten in Bestform und machten die "Todsünden" zu einem würdigen Ausklang des Festivals.

    Konzert

    Northwind Pictures
    Dancing in the Dark
    Von Heinz Karl Gruber
    Die sieben Todsünden
    Von Kurt Weill
    Heinz Karl Gruber (Dirigent)
    Mit: Angelika Kirchschlager




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2011-09-05 16:20:08
    Letzte Änderung am 2011-09-05 16:47:35


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