• vom 07.11.2011, 14:52 Uhr

Musik

Update: 07.11.2011, 16:55 Uhr

Klassik-Konzert

Konzertmarathon mit Zwinkern




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Von Lena Draić


    Verwirrung herrscht am Sonntagabend im Konzerthaus. Hilfesuchend wendet sich eine Besucherin an Gerald Resch, Träger des diesjährigen Erste-Bank-Kompositionspreises - ob es diesen Oskar Serti denn nun wirklich gebe? Nein, tut es nicht. Serti, dem Programmheft zufolge "der meistgelesene Schriftsteller ungarischer Sprache der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts", hat nie existiert. Und doch widmen das Klangforum Wien und netzzeit dem Herrn im Rahmen von Wien Modern ein fünfeinhalbstündiges Happening, das in Sälen, Buffets, Stiegenaufgängen und Foyers der Frage nachgeht: "Oskar Serti geht ins Konzert. Warum?" Serti, eine Erfindung des belgischen Künstlers Patrick Corillon, steht für den Konzertbesucher schlechthin.

    Information

    Konzert
    Oskar Serti geht ins Konzert. Warum?
    Konzerthaus Wien


    Neben der "konventionellen" Bespielung von drei Sälen mit Werken der Neuen Musik erzählen im Haus verteilte Musiker des Klangforums Episoden aus Sertis Leben. Höhepunkt ist die Aufführung von "collection serti" - jenem Stück, mit dem Resch den Erste-Bank-Kompositionsauftrag erfüllte. Das Ensemble bringt darin die im Foyer präsentierte Instrumentensammlung der Kunstfigur Serti zum Klingen. Die Komposition endet mit einem Witz, nämlich so, wie ein Konzert normalerweise beginnt: mit dem Stimmen der Instrumente. Die Form der Darbietung - nämlich als Installation, in der das Publikum sich frei bewegen kann, wobei es von allen Richtungen beschallt wird - trägt erheblich zum Reiz dieser Aufführung bei.

    Bewusst kein Überblick
    Bei der Vielzahl an oft parallel stattfinden Veranstaltungspunkten ist es für die Zuhörer unmöglich, den Überblick zu bewahren. Doch gehört dies wohl zum Wesen der Installation: Sich kein Bild des Ganzen machen zu können, sondern selbst ein Teil davon zu sein. Durchaus sympathisch-beherzt meistern die Mitglieder des Klangforums diesen Marathon, in dem sie auch abseits ihrer gewohnten Rollen zu erleben sind. Dennoch bleiben Zweifel, warum ein Paradeensemble für Gegenwartsmusik - wenn auch gebrochen durch den Umstand, dass das Publikum mit der behaupteten Existenz Sertis augenzwinkernd veräppelt wird - ausgerechnet einem Charakter huldigt, der dem goldenen Zeitalter des Bildungsbürgertums entsprungen zu sein scheint. Wird mit der nostalgischen Beschwörung von Konzertritualen nicht eine Musikkultur mythisch verklärt, die der Vergangenheit angehört, und deren Überbleibsel gerade zu hinterfragen wären?




    Schlagwörter

    Klassik-Konzert

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2011-11-07 14:59:03
    Letzte Änderung am 2011-11-07 16:55:50


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