• vom 09.11.2018, 11:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 09.11.2018, 11:29 Uhr

Pop

Mensch sein, die Welt umarmen




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Von Andreas Rauschal

  • Herbert Grönemeyers Album "Tumult" mit Pathos-Pop über die gespaltene Gesellschaft.

"Keinen Millimeter nach rechts": Herbert Grönemeyer.

"Keinen Millimeter nach rechts": Herbert Grönemeyer.© Ali Kepenek "Keinen Millimeter nach rechts": Herbert Grönemeyer.© Ali Kepenek

Dass der Mann sein Herz an der richtigen Stelle hat - vom rechten Fleck sollte man in diesem Zusammenhang nicht sprechen -, hat er bereits hinreichend bewiesen. Immer wieder bezog Herbert Grönemeyer innerhalb und außerhalb seines Werks etwa Stellung, wenn der Hut zu brennen, Not am Mann oder große Sorge um die Nation und den Rest der Welt angebracht schien. In seiner Rolle als Mentor und Förderer war ihm nicht nur als Gründer seines Schatztruhen-Labels Grönland Records der Respekt eines Pop-Publikums gewiss, das sich eher kein Grönemeyer-Album zulegen würde. Handfestes soziales Engagement bewies der heute 62-Jährige zudem quer durch die Karriere und zuletzt etwa auch als Nachfolger von Roger Willemsen als Botschafter des Afghanischen Frauenvereins e. V.

Schöne Hektomatikwelt

Information

Herbert Grönemeyer
Tumult
(Vertigo Berlin/Universal)

Live am 22. März 2019 und am 12. September 2019 in der Wiener Stadthalle sowie am 30. März 2019 in der Stadthalle Graz: www.oeticket.com

Dass das nun erscheinende neue Album - sein insgesamt 15. - den Titel "Tumult" trägt, ist vor diesem Hintergrund kein Zufall. Wie bereits das der großen Freude im Kleinen verschriebene "Sekundenglück" zum Auftakt beweist, dreht sich ein guter Teil der Songs zwar um den bei Grönemeyer gleichfalls zentralen Aufruhr des Herzens und das keinem Menschen fremde Gefühlsgewühl.

Die Schlüsselstücke aber sind neben einer Entwicklung, die man heute als Spaltung der Gesellschaft bezeichnet, auch von der Unruhe und der Aufgeriebenheit unserer schönen neuen Hektomatikwelt geprägt und gezeichnet. Wie heißt es dazu doch in Stücken wie dem mit Beserlschlagzeug folknäher angelegten "Fall der Fälle"? "Es wird laut gedacht / Alles ist erlaubt / es lallt und hallt von überall / Jeder Geisteskrampf wird ganz einfach mal gesagt / es wird gejagt ohne Moral / Es bräunt die Wut, es dünkelt / der kleine Mob macht rein / Es ist die Angst, die glaubt / sauber muss es sein / und immer brenzlig und gemein."

Grönemeyer setzt dieser Grundgestimmtheit, von der man sich auch auf Twitter (alle hassen alle!) überzeugen kann - aber Vorsicht, man braucht danach eine Runde Erholung mit Photoshopidyllen auf Instagram - aufgeräumt-nachdenkliche Songs, Trost und Rat und nicht zuletzt eine hoffnungsvolle Note entgegen. Entspannung und Zuversicht, Leudde! Die partiell auf Türkisch eingesungene Vorabsingle "Doppelpass" - Schmäh! -, also "Doppelherz/Iki Gönlüm", angelegt zwischen Kulturaustausch, Völkerverbindung und einem Gefühl von Sehnsucht nach der großen weiten Welt, leistete hier bereits Vorarbeit. Wobei man anmerken könnte, dass der Song durchaus als Prüfung daherkommt, die für die Neigungsgruppe AfD eine inhaltliche, für den Rest hingegen eine musikalische ist.


Wir hören pathosschwere Klavierballaden mit aufgeräumtem elektronischem Zierrat, etwas Dosen-Calypso und einen Versuch am Scat-Gesang bei "Taufrisch" - und trotz der weitgehend zurückgefahrenen Gitarren zumindest bei "Und immer" das für Stadionkonzerte mit Missionierungstönen notwendige gewisse U2-Gefühl.

Pastorenduktus

"Bist du da" bewegt sich mit seinem Synthie-Arpeggio auf 80er-Jahre-Spuren in Richtung Powerballade, bei "Verwandt" wird das Trip-Hop-Genre zwischen einem abgebremsten Breakbeat, dem Klavier aus der "Merci"-Werbung und Streicherbeigaben spätestens bei Einfall des Gesangs ordentlich vergrönemeyert. Zwischendurch stellt sich auf "Tumult" ohnehin die Frage, ob sich nicht Thomas Stipsits für eine Vokalkarikatur ins Studio eingeschlichen und das Mikrofon frech übernommen hat.

Anderswo geht es im Pastorenduktus um "gottlose Zeiten": "Der Geist ist reich, die Seele arm." Es klingt wie der evangelische Sonntagsgottesdienst aus Bottrop im ZDF. Und auch bei der Durchhalteballade "Warum" fällt es schwer, den Text nicht auf das Album selbst umzulegen: "Wir haben uns verpackt / in Watte und in Härte / Wir waren aus dem Takt / Doch jetzt sind wir dran!"

Andererseits geht Herbert Grönemeyer 2019 wieder auf Tournee - und man wird in den dafür gebuchten Fußballstadien schon wesentlich blödere Parolen gehört haben als "Keinen Millimeter nach rechts / Verständnis ist nie schlecht / Aber keinen Millimeter nach rechts bewegt / es geht um forsch und frech", die nächste aktuelle Protestnote des Sängers gegen eine weitere Umdrehung der Abwärtsspirale.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-08 15:55:11
Letzte Änderung am 2018-11-09 11:29:35



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