• vom 24.11.2018, 16:00 Uhr

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Trauerarbeit und Wunder




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Von Andreas Walker

  • Das in Tokyo ansässige Label Virgin Babylon Records von Katsuhiko Maeda liefert Alben jenseits einfacher Noiseeffekte oder simpler Popattitüden. Eine Empfehlung.

Katsuhiko Maedas Projekt World’s End Girlfriend bei einem Live-Auftritt. - © Yosuke Torii

Katsuhiko Maedas Projekt World’s End Girlfriend bei einem Live-Auftritt. © Yosuke Torii

Wer an Musik aus Japan denkt, dem kommen vielleicht mit einem leichten Schauder süßliche wie gruselige J-Pop-Blüten oder der Gesang von Damo Suzuki (Can) oder von Keiji Haino in den Sinn.

Wer es extremer mag, dem begegneten sicher auch schon die Noiseattacken von Masami Akita aka Merzbow. Dass Japan jedoch eine rege Post-Irgendwas-Szene aufweist, ist spätestens seit dem Erfolg der Band Mono auch hierzulande bekannt. Mit Letzteren spielte Katsuhiko Maeda als World’s End Girlfriend im Jahr 2006 das Album "Palmless Prayer/Mass Murder Refrain" ein, doch eine größere Aufmerksamkeit blieb ihm bisher verwehrt.

Entfaltungsspielräume

Nach acht Studioalben gründete Maeda 2010 sein Label Virgin Babylon Records - nicht zuletzt, um die volle Kontrolle über seine Aufnahmen zu gewinnen. Im September gleichen Jahres erschien das World’s-End-Girlfriend-Album "Seven Idiots" bei seinem neuen Label und kurze Zeit später "Song Of The Bird" der japanischen Math-Rock-Band About Tess. Weitere Künstler sollten folgen: so etwa der experimentierfreudige Komponist und Pianist Kashiwa Daisuke (sehr empfehlenswert etwa das Album "Re:") oder die theatralischen Extremmusiker Vampillia.

Mittlerweile gehören Bands wie Matryoshka und Have A Nice Day! oder auch Metoronori mit ihrer sogenannten Bedroom-Musik zum festen Stamm des Labels. Es garantiert bei aller Heterogenität der Musikstile den Künstlern größtmögliche Entfaltungsspielräume, sei es beim Zerstückeln von Beats, bei elegisch-meditativen Arrangements oder beim Wagnis kakofonischer Dissonanzen, die frei flottieren dürfen. Die Musiker behalten die volle Kon-trolle über ihre Aufnahmen (inklusive Mastering) und erhalten angeblich siebzig Prozent der Einnahmen.

Heuer erschienen gleich mehrere Veröffentlichungen, die ein intensiveres Hinhören verdienen. Da wäre zunächst das Solodebüt "Dokka No Dareka Dokka No Nanika" von Ryu Nishikata aka Drugondragon. Gleich zu Anfang ("Meteor Girl") wird der Hörer in ein an Xiu Xiu erinnerndes Soundgewebe verstrickt, das durch einen melancholischen, manchmal etwas gelangweilten Sprechgesang kontrastiert wird.

Dominiert wird das Album - bei aller Liebe zu überbordenden Noiseelementen - indes von fast schon minimalistischen elektronischen Spielereien, die mit Shoe-gaze-Akzenten gekrönt werden.

Musikalisch ganz anders ausgerichtet ist das neue Album von Laxenanchaos. Mit dem bezeichnenden Titel "Transform Ordinary Events Into Miracles" wird hier der Ambient-, Techno- und Elektroszene der 1990er Jahre gedacht. Vor allem Aphex Twin scheint es dem obsessiven Elektrofrickler, der nur mit Maske auftritt, angetan zu haben.

Hörbare Angst

So könnte ein Stück wie "Harlequin" ohne Weiteres der Tonschmiede von besagtem Richard David James (wie Aphex Twin bürgerlich heißt) entstammen, präsentiert das Stück doch gleichermaßen viel Unrast und obszönes Vergnügen am Zerlegen und wieder Zusammenfügen von Sounds wie James’ selbstbetiteltes Album von 1996.

Unterschwellig wird "Transform Ordinary Events Into Mircacles" von simplen Melodien und eher knappen Tonfolgen zusammengehalten, über die multiple, zeitweise nervöse Klangebenen geschichtet werden. Erstere laden denn auch bei aller Aufgeregtheit der Letzteren durchaus zum Verweilen ein.

Doch auch Labelboss Maeda selbst war nicht untätig. Zum einen veröffentlichte er als World’s End Girlfriend die EP "Meguri", eine Trauerarbeit, deren Titelstück ein gravitätischer Walzer ist; zum anderen die Live-Einspielung "Last Waltz In Tokyo", ein Risiko, da sich die komplexen Arrangements Maedas nicht ohne Schwierigkeiten live einfangen lassen.

So büßen etwa das treibende "Les Enfants du Paradis" und das tänzelnde "Scorpius Circus" an Eleganz ein, dafür gewinnen die meisten Songs durch Schroffheit an Dynamik. Der Song "Void" macht Angst hör- und spürbar, und "Angel Ache" flüchtet in gespenstische Sphären. "Yes" wie "You" erinnern erfreulich an die Anfänge von World’s End Girlfriend, und zum Ausklang wird zwischen Wehmut und Pathos wieder der Trauer gedacht: "Meguri".

Mit Virgin Babylon Records ist Maeda auf dem Weg, ein Stück japanische Musikgeschichte zu prägen - jenseits einfacher Noiseeffekte oder simpler Popattitüden. Mehr Aufmerksamkeit wäre ihm und seinem Label zu wünschen: Wer Ohren hat zu hören, der höre.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-23 13:28:25
Letzte Änderung am 2018-11-23 14:45:46



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