• vom 01.12.2018, 10:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 03.12.2018, 10:28 Uhr

Pop

Ozzy Osbourne wird 70:
Der Mann, der Tieren den Kopf abbiss




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Von Andreas Rauschal

  • Fünf Gründe, warum wir den Geburtstag des Altmetallers feiern können.

Überleben ist im Rock ’n’ Roll eine Leistung: Ozzy Osbourne, Black-Sabbath-Legende, Fledermaus- und Taubenschreck, Jubilar. - © afp/getty/Frazer Harrison

Überleben ist im Rock ’n’ Roll eine Leistung: Ozzy Osbourne, Black-Sabbath-Legende, Fledermaus- und Taubenschreck, Jubilar. © afp/getty/Frazer Harrison

1. Er hat es überlebt

Keith Richards kann nicht nur ein Lied davon singen. Er kann mit einem heiseren, bald in einen mittelschweren Hustenanfall übergehenden dreckigen Altmännerlachen dem jüngsten Nesthäkchen einer Generation 70 plus der Rock-’n’-Roll-Senioren tatsächlich äußerst überraschend noch zu Lebzeiten auf Erden zum runden Geburtstag gratulieren - und gleichzeitig auch zum Eintritt in einen Exklusivverein. Hallo, im Club 27 aufgenommen zu werden, weil einem das Heroin so gut geschmeckt hat oder irgendein saublödes Malheur passiert ist, nachdem eine weitere Nacht zum Tag gemacht wurde, ist in dieser Branche kein Kunststück. Nein. Im Rock ’n’ Roll (diese Arbeitsbedingungen!) ist immer auch das Überleben selbst eine Leistung.

Wie oft der am 3. Dezember 1948 in Birmingham geborene spätere Metal-Saubartel Ozzy Osbourne und Keith Richards (Jahrgang 1943, ätsch!) dem gerne im eigenen Werk gehuldigten Gottseibeiuns zusammengerechnet schon von der Schaufel gesprungen sind, ist zwar entweder nicht überliefert oder in einer Wolke aus substanzbedingter Partialdemenz "nicht mehr erinnerlich", wie das in einem durchschnittlichen österreichischen U-Ausschuss heißen würde. Wahrscheinlich wird man aber mit den sieben Leben einer Katze eher nicht auskommen, die Tierschützer jetzt dazu veranlassen könnten, an das jeweils einzige Leben jener Taube (†1981) und der Fledermaus (†1982) zu erinnern, denen Ozzy Osbourne einst den Kopf abbiss (das im Metal beliebte Wort "Abyss" hat damit nur bedingt zu tun). Über die Bedeutung des Begriffes "Mythos" in der Popkultur, das Tieropfer in der Religionsgeschichte oder Blut in der Kunst am Beispiel des Orgien-Mysterien-Theaters des Hermann Nitsch dann ein andermal mehr.

2. Er hat es überstanden

Wer den Rock ’n’ Roll als Dschungel bezeichnet, hat insofern nur teilweise recht, weil Rock ’n’ Roll immer auch eine Fallgrube ist - oder ein Haifischbecken.

Im Falle von Black Sabbath künden ein gewisser Verschleiß an Bandmitgliedern, die Splittergruppe Heaven & Hell sowie diverse Klagsdrohungen und der letztlich auch beschrittene Hai- und Rechtsway to Hell davon. Dazu kommen Banalitäten wie das ewige Warten auf zahllosen Ochsentouren, die je nach Mode, Karrierestatus und Beliebtheit des Metalgenres wechselnde Zuneigung der Leute da draußen - sowie die Notwendigkeit einer künstlerischen Weiterentwicklung, obwohl Ozzy Osbourne sein dahingehendes Desinteresse doch bereits 1991 mit dem durchaus österreichisch grundgestimmten Bekenntnissong "I Don’t Want To Change The World (I Don’t Want The World To Change Me)" dargelegt hätte.

Der mit drei Meilensteinen im Zeichen eines mit Donnerwetter, Glockengeläut, wuchtig-zähen Zeitlupenriffs und okkulten, dem Tier 666 geschuldeten Beigaben als in Richtung Rom gedonnertes Provokationsangebot begründete und auch bereits einzementierte Ruf Black Sabbaths als eine der wichtigsten Metalbands nicht nur der Frühzeit des Genres, er geht mit 1970 und 1971 im Wesentlichen auf zwei Jahre zurück. Das ist sehr lange her. Über den späteren Solo-Output von Ozzy Osbourne liegt übrigens nicht zwangsläufig substanzbedingt, sondern zu weiten Teilen vor allem zurecht der Mantel des Schweigens.

Ein spätes weiteres Karrierestandbein in den frühen Nullerjahren als Star aus dem Reality-TV ("The Osbournes") und verrücktes Familienoberhaupt im Sinne seines Albums "Diary Of A Madman" (1981) hingegen hatte nicht nur im gegebenen Unterhaltungswert einen positiven Nebeneffekt. Weltweit atmeten Jugendliche in ihren Zimmern auch aufgrund der Tatsache auf, dass andere Familien zwar anders, die eigene aber zum Glück nicht die einzige ist, die man getrost als vollkommen wahnsinnig bezeichnen darf.

3. Die Frau

Ozzy Osbourne hat wiederholt darauf hingewiesen: Ohne seine Frau Sharon, die als Managerin seine Solokarriere zumindest im nichtkünstlerischen Bereich stets davor bewahrt hat, im totalen Desaster zu enden, wäre er bereits längst nicht mehr unter uns - bzw. sehr wohl, weil unter der Erde. Früher gab es einmal diesen Satz, dem zufolge hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau stehen würde. Gerade in Zeiten von #MeToo wäre aber vielleicht auch die Frage angebracht, warum Frau Madman sich vom betrügenden, übergriffigen und vormals auch gewalttätigen Trottel in Ozzy Osbourne nicht lossagen konnte oder wollte - zumal mit dem Song "Mama, I’m Coming Home" zumindest ein Beziehungsdelikt öffentlich bezeugt ist, unter dem auch das Publikum leiden musste.

4. Teufels Werk und Gottes Beitrag

Dass Ozzy Osbourne sich nach der programmatisch "The End Tour" betitelten musikalischen Abschiedsreise von Black Sabbath in den Jahren 2016 und 2017 derzeit zum gefühlten 37. Mal auf großer Goodbye-Fahrt befinden kann, die unter dem Namen "No More Tours II" an den (fast) gleichnamigen Erstdurchgang von 1992 anknüpft, hat womöglich auch einen höheren Grund.

Ihn erklärt das Fragezeichen der vor fünf Jahren veröffentlichten Comebacksingle von Black Sabbath mit Ozzy Osbourne namens "God Is Dead?", das sichtlich an Nietzsche (ver)zweifelt und auch auf eines verweist: trotz aller Beschwörung des Bösen und Dusteren im Gesamtwerk und der davon angestoßenen inhaltlichen Kirchenanzünderei nachfolgender Bands und Genrespielarten ist Ozzy Osbourne seit den 90er Jahren als klammheimliches Mitglied der Church Of England ein Freund des Gebets. Katholisch betrachtet könnte also entweder eine schützende Hand über Ozzy Osbourne wachen (ausgerechnet!) - oder es könnte jemand explizit kein Interesse an der Begegnung mit einem armen Sünder haben, für den bereits im genredefinierenden Titelsong "Black Sabbath" von 1970 ein Platz wesentlich weiter südwärts reserviert war: "Is it the end, my friend? / Satan’s coming ’round the bend / People running ’cause they’re scared / The people better go and beware!"

5. Musik hält jung

Die positiven Effekte von Musik sind weithin bekannt. Musik ist als Druckablassventil emotionale Reinigungskraft und Entlastungsgerinne, verringert Stress und wirkt sich unmittelbar körperlich etwa auch auf Blutdruck, Herzschlag und unsere Atemfrequenz aus.

Im Falle von Ozzy Osbourne ist das Einprägen von Songtexten als Gedächtnistraining zusätzlich ebenso hervorzustreichen (obwohl auf der Bühne selbstverständlich eine Schummelhilfe namens Teleprompter regiert) wie die Sportkomponente: Etwas gymnastisches Tänzeln aus der Schule von Ilse Buck ("Fit mach mit") sorgt dafür, dass man auch als Altmetaller bei der Arbeit nicht so schnell rostet. Keith Richards trägt bequeme Turnpatschn auf der Bühne. Und Ozzy Osbourne steht dort nicht von ungefähr bevorzugt in einer Jogginghose herum, mit der unsereiner nicht einmal in die Lugner City einkaufen geht.





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Dokument erstellt am 2018-11-30 16:07:35
Letzte Änderung am 2018-12-03 10:28:51



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