• vom 02.12.2018, 12:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 02.12.2018, 13:16 Uhr

Eros Ramazzotti

Reife Songs statt Schmusepop von Eros Ramazzotti




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Von Matthias Greuling

  • Eros Ramazzotti hat ein neues Album herausgebracht: Auf "Vita ce n’è" singt er unter anderem ein Duett mit Helene Fischer.

Eros Ramazzotti im Regen: Der Mann macht gute Musik und hat tolle Hemden.

Eros Ramazzotti im Regen: Der Mann macht gute Musik und hat tolle Hemden.© Universal Music/Jlian Hargreaves Eros Ramazzotti im Regen: Der Mann macht gute Musik und hat tolle Hemden.© Universal Music/Jlian Hargreaves

Es gibt wenige Konstanten im Leben, und für italophile Österreicher ist er eine davon: Eros Ramazzotti bringt in dreijährigem Abstand neue Alben auf den Markt, sein neuestes hört auf den Namen "Vita ce n‘è" und dient als Motor für die ebenfalls wie eine Konstante folgende Show in der Wiener Stadthalle (am 15. April 2019), die er immer noch zu Füllen imstande ist, weil die Fans wissen, dass dort auch "Piu bella cosa" oder "Adesso tu‘" gesungen wird.

Die Radiomoderatoren dieses Landes tun Ramazzotti gern als "Schmusebarden" ab, aber das ist ungerecht; zwar singt Ramazzotti in den meist selbst geschriebenen Texten noch immer von der Liebe (und welcher Popsong tut dies nicht?), aber der blutjunge Bub, der 1990 im Musikvideo zu "Se bastasse una canzone" in Sepia-Tönen durchs Bild lief, ist er längst nicht mehr. Hingegen hat Ramazzotti seit seinem Debüt 1985, also vor nunmehr 33 Jahren, auf 16 Studioalben bewiesen, dass er ein genialer Komponist und Songwriter ist, der mit den Harmonien so leichtfüßig spielen kann wie Ronaldo mit dem Fußball. Zugleich setzt er seine markante Stimme immer auch als Kontrapunkt zu den Harmonien ein, arbeitet bei seiner Musik sehr viel mit Synkopen und generiert so eine reichhaltige Soundlandschaft, die bei genauerer Betrachtung mit Schmusepop gar nichts zu tun hat, sondern sehr reife, überlegte Songs ergibt, zumindest musikalisch.

Zugleich weiß Ramazzotti um die Notwendigkeit, sein Image auch außerhalb Italiens zu pflegen. Dafür hat der inzwischen 55-jährige Sänger das probate Mittel des Gesangsduetts zur Perfektion gebracht, indem er sich darüber den Zugang zu verschiedenen Märkten erarbeitet: Er sang schon mit Tina Turner, mit Ricky Martin, Nicole Scherzinger oder Cher. Auf der neuen Platte sind gleich drei Duette vorhanden, die schwer nach Marketing riechen: Da wäre die Auftaktnummer "Per il resto tutto bene" (Ansonsten ist alles gut), die Ramazzotti mit Helene Fischer singt, eine langsam aufbegehrende, aufbrausende Nummer, die nichts mit der Schlagerwelt Fischers zu tun hat, ihm aber ein TV-Duett vor Millionen in Fischers Weihnachtsshow sichern sollte.

Duett mit "Despacito"-Sänger

Auch die von Latino-Rhythmen getragene Nummer "Per le strade una canzone" birgt Kalkül: Da singt Ramazzotti nämlich mit "Despacito"-Sänger Luis Fonsi - und das Duett klingt ganz im Stile des Vorbilds sehr hitverdächtig. Das dritte Duett bestreitet Ramazzotti mit der kanadisch-italienischen Sängerin Alessia Cara ("Stay"), es ist die vielleicht beste Nummer des Albums: "Vale per sempre" (Es ist für immer gültig) trabt zunächst wie eine samtpfötige, leise Ballade daher, die sich bald aufschaukelt zu einer gewaltigen, melodischen Fusion zweier großer Stimmen.

Ramazzottis erste Single aus dem Album, das titelgebende "Vita ce n‘è" (Da ist Leben), geht erst nach kurzem Hören stark ins Ohr, und spekuliert mit einem Wiedererkennungswert: Die Anfangs- und Schlussakkorde sind fast ident mit den in die Saiten gehauenen Akkorden aus "Piu bella cosa". Das soll es den alten Fans wohl erleichtern, sich in Ramazzottis sonst durchwegs stille, unaufgeregte Songwelt auf dem neuen Album einzufinden. Denn neben den potenziellen Single-Auskoppelungen, darunter die drei Duette, ergänzt der Sänger den Rest seines Albums nicht mit "Füllmaterial", sondern mit oftmals minimalistisch instrumentierten, stark auf dem Gesang basierenden Balladen wie "Ti dichiaro amore", "Una vita nuova" oder "Due volontà" - überall geht es um die Liebe, aber würde Ramazzotti nicht auf italienisch singen, käme man nicht auf die Idee, die Songs als Schmusepop abzutun.

"Vita ce n‘è" ist also durch und durch eine Qualitätsarbeit, von einem, der auszog, gute Musik zu schreiben, die vor dem Hintergrund zeitgenössischen Wegwerfpops zugegeben etwas altmodisch daherkommt. Gleich 14 neue Songs befinden sich auf dem Album, kaum eines davon länger als dreieinhalb Minuten, schließlich sollen die Chancen für den Radioeinsatz gewahrt werden. Verpackt von einem Albumcover mit Eros im Regen, offenbart sich hier eine weitere dieser Konstanten: Der Mann hat einfach immer die besten Hemden an.





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Dokument erstellt am 2018-11-30 16:49:48
Letzte Änderung am 2018-12-02 13:16:36



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