• vom 06.12.2018, 08:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Regen-Lieder

Steter Tropfen




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Von Christoph Irrgeher

  • Mit dem trüben Dezember kehrt ein fast vergessenes Phänomen zurück: der Regen. Das Nass lädt zum Genuss von Musik, die rund um das Thema entstanden ist.

Ein Sonnenschein im Regen: Gene Kelly in "Singin’ In The Rain".

Ein Sonnenschein im Regen: Gene Kelly in "Singin’ In The Rain".© epa/Picturedesk Ein Sonnenschein im Regen: Gene Kelly in "Singin’ In The Rain".© epa/Picturedesk

Auch dazu hatte der Dichterfürst etwas zu sagen: Der Regen, schrieb Johann Wolfgang von Goethe angeblich in einem Brief an seine Schwiegertochter, sei ein zwiespältiges Phänomen. Er sei zwar "keines Menschen Freund, aber wohl der Tiere, denn das Gras wächst schön, und die Biertrinker haben sich auch nicht zu beklagen, dass die Gerste nicht gerät."

Keine Frage: Der Schöpfer des "Faust" hat auch hier zeitlose Worte gefunden. Eines kann man jedoch hinterfragen: Ist der Regen wirklich "keines Menschen Freund"? Würde Goethe in das Jahr 2018 gebeamt, er hätte vielleicht nettere Worte für den Niederschlag übrig. Erstens hat der Himmel seine Schleusen heuer ziemlich selten geöffnet. Zweitens kann das Tropfengeprassel ein wahrer Seelenbalsam sein in einer Hektomatikwelt voller Musiklärm, Verkehrsgewühl und Handynachrichten. Einfach das Fenster öffnen, dem Rauschen lauschen und den Blick in den dünnen Wasserstrichen versenken: Das ist das feuchte Gegenstück zu einem Kaminfeuer. Wobei: Diese Witterung kommt nicht nur dem Durchschnittsbürger zugute. Musikhistorisch betrachtet, sind mit dem Regenrauschen im Ohr etliche Stücke von gesteigertem Zartgefühl entstanden, in einer Gefühlswetterlage zwischen Versonnenheit, Sehnsucht und Melancholie. Hier einige Tipps, um die (nun angeblich anrollenden) Niederschläge in vollen Zügen zu genießen.

Das Paradebeispiel für schöne Schlechtwettermusik stammt von Frédéric Chopin: In seinem "Regentropfen-Prélude" (1839) klopfen die Achtelnoten wie fallender Niederschlag, und die Melodie windet sich in einem sanften Fluss. Schönheitsfehler: Der Titel stammt nicht vom Tonsetzer selbst. Chopin hätte darüber wohl die Nase gerümpft: Klangmalerei? Wie banal! Man kann den Titel aber atmosphärisch rechtfertigen: Kein Klavierwerk kommt so nahe an den meditativen Reiz des Regens und vermittelt dabei eine ähnliche Bittersüße.

Claude Debussy hat mit seinen "Jardins sous la pluie" ("Gärten im Regen", 1903) ein heiteres Regenstück für das Piano geschaffen: Drei Minuten lang tollen Kinder durch eine aquarellierte Klanglandschaft. Ganz anders Franz Liszt. Überraschend, aber der Tastenlöwe hat behäbige Schlechtwettermusik für das Klavier ersonnen. Seine "Nuages gris" ("Trübe Wolken", 1881) kommen ganz ohne Virtuosität aus. Zäh reihen sich die Noten aneinander, beschwören eine Art Regen-Menetekel.

Ein Niederschlag kann sich in der Klassik aber auch heftig ausschütten - meist im Rahmen eines orchestralen Klanggemäldes. Antonio Vivaldi hat ein solches mit seinen "Vier Jahreszeiten" gemalt. Der schnittige Sturm am Ende des "Sommers" hat maßgeblich dazu beigetragen, dass es das Werk in die "Best of Klassik"-Abteilung geschafft hat. Ludwig van Beethoven hat 1808 ebenfalls ein Unwetter inszeniert, dabei aber deutlich lauter auf die Pauke gehaut: Seine Sechste Symphonie "Pastorale" präsentiert sich als klingendes Bilderbuch vom Landleben und lässt dabei auch ein Unwetter tosen. Da heult der Wind aus den Streichern, da dröhnt die Donner-Trommel. Kein Niederschlag für Melancholiker, fast schon ein Weltuntergang.

Apropos: Schlechtwettermusik kann auch apokalyptische Züge annehmen. Benjamin Britten hat dazu 1954 ein leises Werk für Sänger, Klavier und Horn vorgelegt. "Still Falls The Rain" (Canticle III) ist ein Mahnmal der Kriegsgräuel und schildert den Nazi-Bombenhagel auf England.

Wo Tropfen, da Tränen

Die vage Trauer, die sich beim Prasseln der Tropfen einschleichen kann, macht sich wiederum in Hanns Eislers "Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben" (1940) bemerkbar. Die abstrakten Linien dieser Kammermusik faszinieren, sie fordern aber auch. Immerhin handelt es sich um reine Zwölftonkunst.

Deutlich gefälligere Noten findet der pluviophile Mensch (also der Regenfreund) in der Popmusik. Dort gibt es fast so viele Feuchtwetterlieder wie Nieseltage in England. Wobei: Der Inhalt wiederholt sich. Wo Tropfen, da meist Tränen. Im Popsong steht nicht selten ein begossener Pudel im Regen, weil ihn die Liebste in den Wind geschossen hat. Kurzum, man hat es mit Trennungsliedern zu tun, und die Beispiele dafür sind Legion, reichen von Harold Arlens Jazz-Klassiker "Stormy Weather" (1933) bis zu "It’s Raining Again" (1982) von Supertramp und weit darüber hinaus.

Wer eine unbekanntere Schönheit sucht, findet sie auf "Cold Spring Harbor" (1971), dem ersten und schwer depressiven Album von Billy Joel. Dort schildert "Falling Of The Rain" eine alte, verflossene Liebesgeschichte im Regen; die Erinnerung daran kehrt mit einem Wolkenbruch zurück, der sich mit prasselnden Cembalo-Tönen Gehör verschafft. Das gleiche Thema hat es in dem Song "I Can’t Stand The Rain" zu einem Welthit gebracht: Sie könne den Regen nicht ausstehen, weil er süße Erinnerungen zurückbringe, sang Ann Peebles 1973. Elf Jahre später hat sich Tina Turner diese - für Trauerverhältnisse frappant tanzbare - Nummer einverleibt.

Doch meist baden diese Songs in der Bittersüße der eigenen Niedergeschlagenheit und damit im Balladenschmalz. Das Nonplusultra hat da wohl das Electric Light Orchestra erreicht: Mit einem Großaufgebot an Chören, Streicherkaskaden, Halleffekten und Ohrwurm-Melodien inszeniert das Album "Out Of The Blue" (1977) eine Art Opernpathos rund um den einsamen Helden. Dieser ist vor allem mit einem beschäftigt: "Trost finden im Schmerz", wie es der - deutlich banalere Balladenbarde - James Blunt 2004 in seinem Lied "Tears and Rain" gesungen hat.

Wobei: Mancher Im-Regen-Steher bestraft sich auch selbst für etwas - wie der Protagonist des Travis-Hits "Why Does It Always Rain On Me?" (1999): Ein Schmerzensmann mit beachtlichen Selbstzweifeln, der mit 17 angeblich gelogen hat und sich auch sonst nicht wirklich grün ist.

Regenabweisender Frohsinn

Um hier aber nicht düster abzuschließen, sei noch auf eines hingewiesen: eine Sorte Schlechtwetterlied, in der Regenguss nicht mit Verdruss einhergehen. Ab und zu stapfen nämlich auch echte Frohnaturen durch den Niederschlag - um genau damit die Robustheit ihrer guten Laune zu beweisen. So geschehen in dem liebestollen Lied "Singin’ In The Rain" von Nacio Herb Brown, geschrieben übrigens 1929 und damit lange vor dem gleichnamigen Film. Ein weiteres Glanzbeispiel: Burt Bacharachs "Raindrops Keep Fallin’ On My Head" (1969).

Und es ist auch der Musikhumorist Helge Schneider nicht vor der nasskalten Materie zurückgeschreckt. "Erinnerungen" heißt sein schelmisch-poetischer Beitrag zu dem Thema (1997). Schneider knüpft dabei gewissermaßen an den Goethe-Spruch vom Beginn an. "Für den Bauern ist der Regen gut", singt er, Nachsatz: "Und der Mensch . . . findet es nicht gut."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-12-05 16:31:40
Letzte Änderung am 2018-12-05 17:00:31



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