• vom 08.12.2018, 11:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Weihnachten

William Shatners Weihnachts-CD, eine bizarre Bescherung




  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christina Böck

  • William Shatner, Ex-Raumschiffkapitän und Sprechgesangsmeister, feiert ein frohes Fest in der Kuriositätenkammer.


© Cleopatra © Cleopatra

Wenn einem das "Stille Nacht" am Heiligen Abend Probleme macht, weil man stimmlich indisponiert ist, dann kann man sich ein Beispiel nehmen an ihm. Man kennt William Shatner von seiner berühmtesten Rolle: als rauflustigen Raumschiffkapitän und Kosmos-Casanova James T. Kirk von der U.S.S. Enterprise. Der Mann kann so was von nicht singen, was ihn aber gar nicht davon abhält, Musik-CDs zu veröffentlichen. Er spricht die Liedtexte einfach, und zeitigt so legendäre Würfe wie die 1968er-Scheibe "The Transformed Man", eine Art Poesie-LSD-Erfahrung, in der er Popsongs wie "Rocket Man" darbietet wie im Gedicht-Proseminar für Übermotivierte. Dieses eindringliche Rezitieren! Diese Pausen, wo. Sie nicht hingehören! Und dieser Blick, der einen. Überzeugt, dass sie da zweifellos hingehören.

Für sein neuestes Album mit dem bestechend uneleganten Wortspiel-Titel "Shatner Claus" hat der umtriebige 87-Jährige (!) Musiker-Kollegen engagiert, die mehr oder weniger schon singen können. Sie begleiten ihn in seinem Parcours durch Weihnachtsklassiker. Und es gelingt ihm, dass abgedroschenes Liedgut hier tatsächlich so zu hören ist, wie noch nie ein Mensch zuvor es gehört hat. "Silent Night" wird bei ihm zu einer weniger besinnlichen denn händeringenden Erzählung, die ausgerechnet vom Punkrocker vom Dienst, Iggy Pop, runtergeholt wird. Mit dessen Branchenkollegen Henry Rollins hat sich Shatner "Jingle Bells" vorgenommen: Das ergibt eine verblüffend organische Mischung aus dem gutgelaunt-melodischen Sprechgesang des Schauspielers und dem headbangerfreundlichen Zackzack-Gebimmel des Profimusikers.

Wer denkt, es gibt Lieder, die sich nicht für Text-Rezitation eignen, wird von Shatner mit einem beherzten "Barampampampam" Lügen gestraft. Die reichliche Varietät an Phrasierungen, die er für die überbeanspruchte Zeile aus "Little Drummer Boy" anwendet, lässt den versiertesten Gospelsinger vor Neid erblassen. Ganz ohne Kuriositätenfaktor empfehlenswert ist "Twas the night before Christmas" - das Gedicht trägt Shatner im gemäßigt-großväterlichen Ton vor, im Hintergrund spielt Mel Collins auf verschiedensten Instrumenten einen schräg verjazzten Soundtrack, der flüchtig an die poetische Musik zu "A Charlie Brown Christmas" von Vince Guaraldi erinnert.

Zur Abrundung der bizarren Bescherung gibt es ein Video zu "Rudolph the red-nosed Reindeer". Da steht ihm ein Bärtiger von ZZ Top bei, Billy Gibbons. Der Clip beginnt als Lesestunde vor rotbackigen Kindern und Saisonalkobold und verwandelt sich in eine Freakshow-Disco-Party mit Shatner im Paillettensakko. In der Mitte steht ein Rentier verwirrt, mit leiser Panik im Blick. Wie sagte Shatner einmal: "Von so etwas wie Würde lasse ich mich sicher nicht aufhalten." Was für ein Geschenk.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-12-06 17:43:40
Letzte Änderung am 2018-12-07 10:06:41



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Netflix kann auch Kino-Magie
  2. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  3. Die 30er sind zurück
  4. Philharmoniker glänzten mit Kirill Petrenko
  5. Neue Karte erlaubt Zugang zu allen Bundesmuseen
Meistkommentiert
  1. Gefährliche Predigten
  2. "Kurz bringt die Rechtsextremen in den Mainstream"
  3. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  4. "Die Weißwurst muss dir freundlich gesinnt sein"
  5. Karger "Don Carlos" in der Kammeroper


Quiz


Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker.

Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk. Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.


Werbung